Lyon, Hügel des Lichts 1: Lugdunum

Letzte Änderung 12. Februar 2024

Aufnahmedatum: 1. Oktober 2021

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Erzengel Michael und Jungfrau Maria
Auf dem Hügel Fourvière in Lyon

Mit einer Bronzestatue des Erzengel Michael auf der Apsis der Notre-Dame de Fourvière und einer vergoldeten Statue der Jungfrau Maria auf dem Glockenturm der Kapelle des Heiligen Thomas offenbart sich der Hügel Fourvière in Lyon als ein bedeutender Ort auf der Achse des Lichts

Was aber sind die Wurzeln für eine Verehrung dieser beiden christlichen Heiligen in Lyon bis zum heutigen Tage? Eine Antwort findet man, wenn man die wechselhafte Geschichte Lyons von der Antike bis in die Neuzeit verfolgt.

Im ersten der beiden Beiträge über den Hügel des Lichts in Lyon werden der Aufstieg und der Niedergang Lugdunums, des heutigen Lyons und seines Hügels Fourvière in der Antike, geschildert, insbesondere der Wandel seiner religiösen Kultur von den keltischen Ursprüngen über ihre Assimilierung durch die römische Götterwelt bis zu den Anfängen des Christentums.

Um die spätere Bedeutung von Michael und Maria als Schutzheilige gegen Seuchen und Kriege im Mittelalter und in der Neuzeit Lyons besser zu verstehen, werden die Auswirkungen der Antoninischen und Justinianischen Pest erörtert, die nicht nur zum Untergang des römischen Reiches und zum Niedergang Lugdunums, sondern auch zum Aufstieg des Christentums führten.

Lyon vor den Römern

Die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung in Lyon, Feuersteine und Pfeilspitzen, reichen bis ins Jahr 10.000 v. Chr. zurück und wurden in Vaise gefunden, dem einzigen Stadtteil von Lyon, der vor den Überschwemmungen der Saône geschützt war. Von 4.000-3.000 v. Chr. siedelten sich dort Bauern an und es entstanden erste Behausungen. Aus dieser Zeit wurden viele Töpferwaren ausgegraben, aber auch Werkzeuge und verbrannte menschliche Knochen. Von 3.500-2.500 v. Chr. entwickelte sich der Ort am Zusammenfluss von Saône und Rhône zu einem Umschlagplatz des Handels und der Kultur, da die Menschen den von der Natur vorgegebenen Wegen folgten.

Canabae
Von der Insel zur Halbinsel

Die Flussläufe pendelten in der Ebene hin und her und der Zusammenfluss änderte sich fortwährend. Schon bevor sich die Gewässer vollständig vereinigten, stellten Seitenarme Verbindungen zwischen ihnen her. Auf diese Weise entstanden zahlreiche Inseln, ideale Stellen, um geschützte Handelsplätze zu errichten. Auf der größten dieser Inseln bildete sich die Ansiedlung Canabae, die sich zu einem Umschlagplatz des Handels entwickelte. Erst ab dem 3. Jh. n.Chr. wurde der nördliche Seitenarm der Rhône trockengelegt, um die Insel Canabae in eine Halbinsel mit einem Landzugang nach Condate umzuwandeln [1].

Am Fuße des Hügels Croix-Rousse entstand zwischen 2.000-2.500 v.Chr. eine weitere Ansiedlung an der Einmündung der Saône in die Rhône mit dem keltischen Namen Condate [deutsch: Zusammenfluss].

Mittlerweile waren die Wälder im Umfeld der Ansiedlungen fast verschwunden. Holz wurde für Gebäude, metallverarbeitendes Handwerk, Kochen und Heizen verwendet. Der Mensch hatte seine Umwelt verändert und die Landwirtschaft mit dem Anbau von Getreide wie Weizen, Gerste und Bohnen intensiviert. Silos ermöglichten deren Lagerung und Handel. Viehzucht wurde mit Schweinen und Ziegen, vor allem aber mit Rindern betrieben.

Zinnstrassen im Europa der Antike
Die Wege des Zinns

Seit dem 7. Jh. v.Chr. besuchten griechische Seehändler aus Phokaia in Kleinasien regelmäßig die Mittelmeerküste Frankreichs nahe der Mündung der Rhône, um mit den Stämmen Liguriens Handel zu treiben. Sie gründeten im 6. Jh. v.Chr. die Handelsstadt Massalia, aus der das heutige Marseille hervorgegangen ist. Vor allem Zinn, als Bestandteil der Bronze, war bei den Griechen begehrt, da es davon kaum Vorkommen in Südeuropa gab. Größere Zinnvorkommen befanden sich am Atlantik: in Cornwall, in der Bretagne und in Galizien [2]. Der griechische Historiker Diodorus Siculus berichtete, wie im 4. Jh. v.Chr. das Zinn vom St. Michael’s Mount in Cornwall über den Kanal nach Frankreich und dort über die Flüsse und Täler der Seine, Saône und Rhône bis an die Mittelmeerküste transportiert wurde [3]. Der Weg führte über Paris, Lyon und Marseille, die drei größten Städte Frankreichs heute. Sie haben alle vom Handel über jene Route profitiert.

Im Gegenzug fanden feine Töpferwaren, Schmuck und insbesondere Wein den Weg in die Fürstenhäuser Westeuropas. Im Rhône-Saône-Graben zirkulierten nachweislich bereits im gesamten 5. Jh. v.Chr. Weinamphoren.

Ausgrabungen am Ufer der Saône in Vaise zeugen von einem intensiven Flussverkehr und Handel mit den Griechen seit dem 5. Jh. v.Chr. sowie mit römischen Kaufleuten seit dem 2. Jh. v.Chr.. Seine Lage und sein wachsender Wohlstand machten den Ort zu einem bedeutsamen Handelsplatz. Man geht heute aufgrund der griechischen und römischen Einflüsse davon aus, dass spätestens im 2. Jh. v.Chr. ein gallisches Oppidum mit dem Namen Lugdunum [4] auf dem Hügel Fourvière [5] existiert haben muss, auch wenn man kaum Spuren davon finden konnte.

Lugdunum – Hügel des Lichts

Strittig unter den Sprachwissenschaftlern und Historikern ist die Bedeutung des Ortsnamens Lugdunum. Einig sind sie sich lediglich über den keltischen Wortstamm Dun [deutsch: ein befestigter Ort auf einem Hügel]. Der Wortstamm Lug wird von vielen auf den pankeltischen Gott Lugh zurückgeführt, der in zahlreichen Ortsnamen der keltisch sprechenden Welt verbreitet war.

Lugh ist ein kunstfertiger, listenreicher und mit einem Speer bewaffneter Schutzpatron der reisenden Handwerker, Kaufleute und Krieger. Seine Beinamen Langer Arm und Lange Hand verdeutlichen nicht nur seine Fertigkeit als Speerwerfer sondern auch seine Haltung und Verbindlichkeit in Vereinbarungen. So ist er auch ein Schutzpatron für Verträge, Eide und Eheversprechen. In vielen Eigenschaften entspricht er dem griechischen Hermes und dem römischen Merkur. Einige von ihnen finden sich später wieder beim christlichen Erzengel Michael.

Lugh ist weder ein Sonnengott noch ein Gott des (Sonnen-)Lichts. Er ist zugleich der Leuchtende und der Schatten, ein Grenzgänger zwischen Licht und Dunkelheit, Leben und Tod. „Das mittelgriechische Wort llug bedeutet jedoch tatsächlich hell, so dass es eine proto-keltische Wurzel mit dem Bestandteil *lug- gegeben haben könnte, die tatsächlich Licht bedeutete […].“ [6]. In diesem Sinne könnte man den Ortsnamen Lugdunum mit Hügel des Lugh oder Hügel des Lichts übersetzen.

Die zugleich leuchtende und dunkle Qualität des Gottes Lugh könnte sich auf das Leuchten des gestirnten Nachthimmels beziehen. Dazu passen würde auch seine Verehrung auf Hügeln, die man auch bei Merkur und Michael findet. Denn auf einer Anhöhe leuchten die Sterne in der Dunkelheit besonders hell und klar.

Gelegentlich wird Lugh auch als Feuergott interpretiert, wie z.B. von Wolf-Dieter Storl, der ihn mit dem nordgermanischen Feuergott Loki gleichstellt. Storl schreibt über Lugh (Lugus): „Lugus ist das Feuer, das den Stahl härtet, die Hitze, die dem Obst, den Beeren und Früchten Reife und Süße schenkt. Den Getreidekörnern nimmt er die Milchreife und verwandelt sie in feste, goldene Kerne. Das mondhafte, fleischige Grün der Kräuter macht er mit seinem Feuerhauch zu fein gefiederten, duftenden Gebilden; er reichert sie mit heilkräftigen, ätherischen und fettigen Ölen, Balsamen und Harzen an. Er ist auch der Terminator, der korrupten Herrschern und Lügenmeistern ihren verdienten Tod bringt.“ [57]

Lyon zur Zeit der Römer

Gründung der Kolonie Lugdunum

Um 58 v.Chr. ließ Julius Caesar auf der Hochebene des heutigen Hügels Fourvière ein Militärlager für 30.000 Soldaten einrichten. Während des Eroberungskrieges gegen die Gallier (57-53 v.Chr.) beauftragte er seinen Stellvertreter Lucius Munatius Plancus, dort eine Kolonie nach römischen Recht zu gründen. Im Mai 43 v. Chr., ein Jahr nach Caesars Ermordung, gründete Munatius, der noch von ihm zum Statthalter Galliens ernannt worden war, die Kolonie mit ihrem ursprünglichen Namen Colonia Copia Felix Munatia Lugudunum und übernahm darin den Namen des gallischen Oppidum Lugdunum .

Anfänglich war die römische Kolonie nicht sonderlich befestigt, hatte kaum Erddämme und Holzpalisaden. Innerhalb von 60 Jahren wuchs sie gewaltig, breitete sich aus über die Stadtteile Vaise, Condate und Canabae und gewann zunehmend an strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung.

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Gesamtansicht Lugdunum (Lyon)
Zeichnung: Jean-Claude Golvin

Römische Bauwerke

Auf der Hochebene des Fourvière, wo sich heute die Notre-Dame und ihr Vorplatz befinden, wurde ein monumentaler Forum Vetus, [deutsch: Alter Markt] errichtet. Der heutige Name des Hügels leitete sich ab aus Forum Vetus über Fore Vetus, Forverium und Forvières.

Man baute ebenfalls ein großes Theater [französisch: Théâtre antique 15 v.Chr.] und ein kleineres [französisch: Odéon antique ca. 120 n.Chr.], deren eindrucksvolle Überreste man heute besichtigen kann.

Bei Ausgrabungen hinter dem großen Theater fand man einen typischen Taurobolium-Altar des Kybele-Kultes, auf dem Stiere geopfert wurden, und konnte so einen Kybele-Tempel (160 n.Chr.) auf der höchsten Erhebung des Hügels identifizieren. Der Tempel könnte darauf hindeuten, dass dort vor der Ankunft der Griechen und Römer bereits eine keltische Muttergöttin verehrt wurde. Denn der Kybele-Kult wurde nicht, wie der Mithraskult, von römischen Legionären, sondern in Gallien von der einheimischen Zivilbevölkerung getragen [7].

Am ehemaligen Standort eines Nonnenklosters des Ordens Verbe Incarné [deutsch: Fleischgewordenes Wort] wurde bei Ausgrabungen ein Kaiserkult-Tempel aus dem 1. Jh. n.Chr. entdeckt.

In Texten und in einem Mosaik mit Zirkusspielen (2. Jh. n.Chr.) aus Lugdunum wurde ein römischer Circus [französisch: Cirque antique de Lyon], eine Rennbahn für Pferde- und Wagenrennen, überliefert. Jedoch konnte man ihn bisher nicht zweifelsfrei lokalisieren. Neuere Forschungsergebnisse verorten ihn dorthin, wo sich heute der Friedhof von Loyasse befindet [8].

Weiterhin kann man auf Fourvière die Überreste von Thermalbädern (1.-3. Jh. n.Chr.) und des Gier-Aquädukts besichtigen.

Hauptstadt von Gallien

Roemische Provinzen
 Römische Provinzen (117 n. Chr.) – Quelle: Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Kaiser Augustus erklärte Lugdunum 27 v.Chr. [9] zur Hauptstadt der Drei Gallien, der drei kaiserlichen gallischen Provinzen Lugdunensis, Aquitania und Belgica. Nicht dazu zählte die vierte gallische Provinz Narbonensis, die dem Senat unterstellt war. Sie wurde aufgrund ihrer frühen Romanisierung als zivilisiert angesehen. Dagegen waren die Drei Gallien, auch Haarige Gallien genannt, von Barbaren besiedelt, die es zu romanisieren galt. Lugdunum war zu jenem Zeitpunkt die Grenzstadt des römischen Reiches zum wilden Nordwesten.

Bundesheiligtum der Gallier

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Bundesheiligtum und Amphitheater
Zeichnung: Jean-Claude Golvin

Nachdem Augustus Lugdunum zur Hauptstadt der Drei Gallien erklärt hatte, fand dort seit 12 v.Chr. jährlich am 1. August eine Versammlung von Delegierten der dort ansässigen 60 gallischen Stämme statt.

Die Delegierten übten eine administrative und politische Rolle aus, standen als Rat der Gallier in direkter Verbindung mit dem Kaiser, übermittelten ihm die Wünsche und Beschwerden der gallischen Bevölkerung und versuchten, eine einvernehmliche Lösung mit ihm auszuhandeln. Wo sie sich bis 15 n. Chr. getroffen haben sollen, ist nicht bekannt.

Denn erst 10-15 n.Chr. wurde am Fuße des Hügels von La Croix-Rousse, im Stadtteil Condate, ein Amphitheater [französisch: Amphithéâtre des Trois Gaules; deutsch: Amphitheater der Drei Gallien] mit 3000 Plätzen erbaut, das 130 n.Chr. für 26.000 Zuschauer erweitert wurde. Aus Inschriften, die auf den Sitzstufen des Amphitheater erhalten sind, weiß man, dass die Anzahl der Vertreter eines Stammes durch seine Größe bestimmt war. So waren z.B. für die Delegierten der Biturigen und ihrer Hauptstadt Avaricon, dem heutigen Bourges, sechs Sitzplätze reserviert [10].

Vor allem aber hatte die Versammlung eine rituelle Funktion. Archäologen vermuten, dass das Bundesheiligtum der Drei Gallier in Form eines monumentalen Altars auf einem Vorplatz des Amphitheaters errichtet worden war. Überreste davon wurden nicht gefunden, aber Beschreibungen sind in Schriften und auf Münzen überliefert worden. Vor jenem Altar mussten die gallischen Abgeordneten der Gottheit Roma, einer Personifikation des römischen Staates, und dem Kaiser huldigen und ihnen jedes Jahr aufs Neue die Treue schwören. Die religiösen Feierlichkeiten bestanden aus Opfern, Prozessionen, Spielen, Rede- und Dichterwettbewerben.

15. v.Chr. wurde Lugdunum kaiserliche Münzstätte und war von 12 v.Chr. bis 64 n.Chr. die einzige, die Gold- und Silbermünzen für das gesamte Römische Reich herstellte. Wo sie sich befunden hat, ist unbekannt.

Geheimnisvoll ist bis heute ein Netz unterirdischer Gänge in Croix-Rousse, das Arêtes de Poisson [deutsch: Fischgräten] genannt wird. Das ausgedehnte Netz, erbaut vom 4. Jh. v.Chr. bis zum 1. Jh. n.Chr., besteht aus 1.400 Metern Galerien, 480 Metern Tunneln, 34 Graten und 16 Schächten mit einem Gesamtvolumen von 12.000 Kubikmetern. Welchem Zweck diente dieses unterirdische Bauwerk? Wurden dort die Münzen der kaiserlichen Münzstätte aufbewahrt oder diente es militärischen Zwecken? Wurde es später von den Templern als Lager für ihren sagenumwobenen Schatz wiederverwendet? Mehr zu den Fischgräten und anderen Bauwerken der Römer in Lugdunum erfährt man in einer sehenswerten Dokumentation der ZDF-Mediathek: Superbauten der Antike: Die Römer in Lyon.

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Ruinen der beiden Theater auf dem Fourvière

Lughnasadh – Fest des Lichts

Es ist bemerkenswert, dass sich die Drei Gallien am 1. August versammelten, dem gleichen Tag, an dem auch das keltische Fest Lughnasadh gefeiert wurde. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Namen der Gottheit Lugh und dem keltischen Wort Nasad [deutsch: Versammlung], so dass man Lughnasadh mit Versammlung des Lugh oder auch Fest des Lichts übersetzen könnte [11].

Lughnasadh wurde zu Beginn der Ernte mit großen Versammlungen, religiösen Zeremonien, rituellen sportlichen Wettkämpfe und Festmahlen gefeiert. Man betrieb Handel, Ehen wurden vermittelt und Hochzeiten vorbereitet. Üblicherweise fand das Fest auf einem Hügel statt. Heilige Brunnen wurden aufgesucht und Tiere geopfert.

Es war ein Fest zu Ehren des Todes der keltischen Erdmutter Tailtiu. Sie war Lughs Mutter und starb an Erschöpfung, nachdem sie eine Ebene gerodet hatte, um sie für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Lugh musste ihr versprechen, sie nach ihrem Tod dort zu begraben und jedes Jahr ein Fest mit Trauerspielen zu veranstalten, währenddessen die Waffen ruhten. Lugh löste sein Versprechen ein und im Gegenzug versprach Tailtiu den Menschen landwirtschaftlichen Reichtum [12].

Mit einer fortschreitenden Romanisierung könnte Tailtiu durch Kybele, die in Griechenland mit Demeter identifiziert wurde, ersetzt und von der gallischen Bevölkerung übernommen worden sein, solange nur weiter gefeiert und der Braten der Opfertiere an sie verteilt wurde. Für die Menschen hätte sich nur der Name geändert, denn in ihrem Wesen unterschieden sich die Erd- und Getreidegöttinnen nicht. In gleicher Weise könnte die männliche keltische Gottheit Lugh auf den römischen Kaiser übertragen worden sein, denn beim Lughnasadh übernahm der jeweils herrschende Fürst die Rolle des Lugh als Veranstalter des Festes.

Sehr wahrscheinlich hat sich die Versammlung der Drei Gallien zur Huldigung des römischen Kaisers aus dem Lughnasadh entwickelt, das in Lugdunum jährlich am 1. August gefeiert wurde.

Via Agrippa

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Via Agrippa – Quelle: Wikimedia Commons

Bis Augustus 14 n.Chr. starb, hatte sich Lugdunum zum zentralen Knotenpunkt der Via Agrippa, entwickelt. Vorangetrieben wurde dieses Netzwerk römischer Heerstraßen von Agrippa, einem engen Vertrauten und Schwiegersohn des Kaisers, während er von 20 bis 18 v. Chr. Statthalter von Gallien war. Von Lugdunum gab es in alle Himmelsrichtungen ausgehende direkte Straßenverbindungen: nach Osten bis in die Schweizer Alpentäler, nach Süden bis ans Mittelmeer, nach Westen bis zur Biskaya, nach Norden bis an den Ärmelkanal und nach Nordosten bis nach Köln an den Rhein und an den Limes.

Die Schlüsselposition von Lugdunum, am Zusammenfluss von Saône und Rhône, machte es außerdem zu einem wichtigen Flusshafen.

Bis zur Mitte 2. Jh. blühte die Stadt auf und erlebte Frieden wie die gesamte römische Welt. Mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 50.000-80.000 war sie nach Narbo Martius (Narbonne) die zweitgrößte Stadt Galliens.

Die Antoninische Pest

Im Jahr 161 n.Chr. wurde Mark Aurel zum Kaiser ausgerufen und ernannte bald darauf seinen Adoptivbruder Lucius Verus zu seinem Mitkaiser und Oberkommandanten des römischen Heeres. Seine erste Aufgabe bestand ab 162 darin, die Truppen in einem Krieg gegen die Parther anzuführen, die in den Südosten des römischen Reiches eingedrungen waren. Zwar konnte er die Auseinandersetzung durch die Einnahme der parthischen Doppelhauptstadt Seleukia-Ktesiphon siegreich beenden, doch zur gleichen Zeit erhoben sich germanische Stämme nördlich der Donau und drangen über die Bernsteinstraße nach Italien vor. Während die römischen Truppen von der Südostgrenze an die Nordwestgrenze des Imperiums eilten, war Mark Aurel, der in Rom geblieben war, mit einem reduzierten Heer zunächst auf sich allein gestellt [13].

Zur selben Zeit brach im Südosten eine Pandemie aus, die Antoninische Pest [latein: pestis; deutsch: Seuche], benannt nach dem Gentilnamen von Mark Aurel, der mit vollem Namen Marcus Aurelius Antoninus hieß. Wahrscheinlich handelte es sich um Pocken, die bereits ein Jahr vor dem Ende des Partherkriegs über das Rote Meer im römischen Reich angekommen waren. Der erste dokumentierte Fall der Seuche ereignete sich 165 in Smyrna, wo der Redner Aelius Aristides fast an der Krankheit starb. Von Südosten breitete sich die Seuche nach Nordwesten über die rückkehrenden römischen Soldaten aus, erreichte bereits 166 Rom und bis 172 fast jeden Winkel des Imperiums.

Und so musste Mark Aurel nicht nur die germanischen Invasoren abwehren, sondern auch sein Heer gegen die Seuche schützen. Er beorderte die kaiserliche Garde, eine mobile berittene Eliteeinheit aus Rom, zum Grenz- und Quarantäneschutz an eine Engstelle der Bernsteinstraße nach Ločica, wo er ein Militärlager mit einem großen Heeresspital und Speicherbau für Nahrungsmittel aus dem Boden stampfen ließ. Wie in Wuhan überschlugen sich jedoch die Ereignisse. Das geplante Lager wurde nicht fertiggestellt und seine Truppen wurden vorzeitig nach Lauriacum an die Donau zum Kampf gegen die dort eindringenden Markomannen, einem germanischen Volksstamm, verlegt [14]. Im Jahr 169 hatten sich die beiden Kaiser mit ihrem vereinigten Heer im Winterquartier in Aquileia versammelt, um von dort zu einem Feldzug gegen die Markomannen aufzubrechen. Im Lager kam es zu einem Pockenausbruch, der das römische Heer dezimierte und dem auch Lucius Verus zu Opfer fiel.

Die Antoninische Pest rollte in mehreren Wellen mit kurzen Unterbrechungen während eines Vierteljahrhunderts über das römische Reich. Nach der ersten Welle von 165 bis 172 war die Armee nahezu ausgelöscht [15], etwa 150.000 Soldaten starben [16]. Wenige Jahre später flammte die Pest um 177 erneut heftig auf. Ob Mark Aurel 180 auf dem Höhepunkt der Seuche ebenfalls an der Pest starb, ist nicht erwiesen. Ein letzter Ausbruch für das Jahr 191 in Rom ist bezeugt. Der Geschichtsschreiber Cassius Dio berichtete von 2000 Toten täglich in Rom, jeder vierte Erkrankte wäre verstorben. Bei einer Sterberate von etwa 20 Prozent kann man nach realistischen Schätzungen davon ausgehen, dass sieben bis acht Millionen Menschen, etwa ein Zehntel der damaligen Bevölkerung, Opfer der Antoninischen Pest wurden.

Sie reiste mit den römischen Soldaten über das ausgebaute, stark frequentierte Straßennetz und über den Seeweg selbst bis ins entlegene Britannien. Die Pest begleitete den Getreidetransport von den Anbaugebieten bis in die Städte. Sie folgte auch den Wegen des Barrenmetalls von den Bergbaugebieten zu den Münzstätten. Besonders wütete sie in den Hafenstädten und Orten, wo sich Straßen kreuzten oder Flüsse zusammentrafen.

Sie grassierte gehäuft in Italien, wo sie manchmal ganze Orte entvölkerte, auf der iberischen Halbinsel und in Gallien. Man kann davon ausgehen, dass sie insbesondere in Lugdunum, einem Ballungsraum und zentralen Verkehrsknotenpunkt, die Bevölkerung dezimierte und zeitweise die lokale Wirtschaft in den Ruin führte.

Mit dem Massensterben kamen nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch der Bergbau zum Erliegen. Das Münzgeld verlor durch die Verknappung des Grundnahrungsmittels Weizen an Kaufkraft. Zugleich sanken die Preise für Land. Lokale Hungersnöte und Währungskrisen waren die Folge. Mit dem Ausbleiben von Steuereinnahmen schwanden die Macht des römischen Staates und Kaisers.

Die größten Stärken des römischen Reiches – sein imperiales Verkehrsnetz, Münzwesen und Heer – erwiesen sich in der Antoninische Pest als ihre größten Schwächen. Das Imperium wurde damit sich selbst zum Verhängnis [17].

Drei Jahre vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie erschien 2017 das Buch The Fate of Rome: Climate, Disease, and the End of an Empire [deutsche Ausgabe: Fatum: Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. München. 2020] des US-amerikanische Althistorikers Kyle Harper. Er vertritt darin die These, dass nicht das Eindringen der Germanen, sondern folgenschwere Klimaveränderungen, verbunden mit Pandemien, zum Untergang des römischen Imperiums führten und sein Schicksal besiegelten. Mit einer überzeugenden Studie zu den Verläufen und Auswirkungen der Antoninischen (2. Jh.), der Cyprianischen (3. Jh.) und der Justinianischen Pest (6. Jh.) fundamentiert er seine Behauptung.

Viren sind weitaus tödlicher als Vandalen.

Kyle Harper: Germs are far deadlier than Germans [deutsche Übersetzung: Rolf Krane]

Kyle Harpers Buch markiert in der antiken Geschichtsforschung des 21. Jahrhunderts einen Wendepunkt durch die Einbeziehung von Klimaveränderungen und Krankheiten, Faktoren die von Althistorikern in ihren Schriften zukünftig nicht mehr ignoriert werden können. Er stützt seine Thesen u.a. auf Ergebnisse aus Eisbohrkernforschungen, Gletscheranalysen, Dendrochronologie, Knochenuntersuchungen, Isotopenanalysen, Paläogenetik, Paläomikrobiologie und Paläoklimaforschung.

Ein Jahr nach dem Erscheinen seines Buches wurde Harpers These durch die Ergebnisse von einer Gruppe Klimaforschern um Joseph McConnell gestützt. Durch ihre Messungen der Bleiemissionen in einem etwa 400 Meter langen Eisbohrkern aus Grönland stellten sie erstmals einen riesigen Schatz von Daten bereit, der auf 25.000 verschiedene Messungen beruht und den wirtschaftlichen Auf- und Abstieg Roms widerspiegelt [18].

Die Bleiemissionen sind ein Indikator für die Produktion von Münzen. Die Minen förderten in der Regel Erze, die keine reinen Münzmetalle (Gold, Silber, Kupfer und Zinn) enthielten, sondern verschiedene Metalle, vor allem aber Blei. Man extrahierte die Münzmetalle aus dem Erz durch Schmelzverfahren, die u.a. zu einer Verschmutzung der Luft mit Blei führten.

Roemische Bergbaugebiete Florian Maizner Von der Mine zur Muenze. Der Weg des roemischen Geldes
Römische Bergbaugebiete [19]

Die Forscher konnten zeigen, wie die Emissionen durch Luftströmungen von den römischen Bergbaugebieten nach Grönland gelangten, wo sie sich im Eis ablagerten. Insofern sind die Bleiemissionen in den Eisbohrkernen ein Indikator für die Höhe der Münzproduktion und den damit verbundenen wirtschaftlichen Reichtum in der jeweiligen Zeit .

Bleiemissionen Roemisches Reich
Bleiemissionen (1100 v.Chr.-800 n.Chr.) in der Antike [20]
A: Punische Kriege
B: Sertorischer Krieg
C: Bürgerkriege
D: Endgültige Befriedung Galliens und Spaniens
E: Antoninische Pest
F: Cyprianische Pest
G: Aufgabe Britanniens durch die Römer
H: Zusammenbruch des Weströmischen Reiches

„Nach einem raschen Anstieg der Emissionen ab dem Jahr 17 v. Chr. blieben die Emissionen bis in die 160er Jahre hoch, wobei es auch hier zu kurzfristigen Schwankungen kam. Diese Periode hoher Emissionen fiel mit dem Höhepunkt des Römischen Reiches unter der Pax Romana zusammen, die zu Beginn durch die Konsolidierung der kaiserlichen Herrschaft über die Provinzen und zu ihrem Ende durch die verheerende Antoninische Pest […] von 165 bis 193 n. Chr. gekennzeichnet war.“ [21]

Die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung im römischen Reich durch die mit Blei verschmutze Luft war erheblich und lag bei allem Auf und Ab über fünf Jahrhunderte beim Zehnfachen des Ausgangswertes. Dazu kamen noch Luftverschmutzungen durch das giftige Schwermetall Antimon. Zwar waren die Bleiemissionen durch bleihaltige Kraftstoffen bis in die späten 1980er Jahre fünf bis zehn Mal höher als zur Zeit der Römer, aber sie dauerten nur 30 Jahre an [22].

Blei, als ein „Abfallprodukt“ der Münzmetall-Gewinnung, war im Überfluss vorhanden. Auf Sardinien musste man den Abbau von Blei begrenzen, um seinen Preisverfall aufzuhalten. Es war ein günstiges und leicht formbares Metall, das in vielen alltäglichen Dingen Verwendung fand, wie in Wasserrohren, Spielzeug, Kosmetika und Wein.

Proben, die man in einer Studie aus dem Zahnschmelz von Skeletten entnommen hatte, um deren Bleikonzentrationen zu analysieren, ergaben, dass jüngere Kinder signifikant höhere Bleikonzentrationen in ihrem Zahnschmelz aufwiesen als Erwachsene. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der weit verbreitete Gebrauch von Blei im römischen Reich ein Hauptfaktor für Tod und Krankheit im Kindesalter war [23].

Immungeschwächt durch Blei und andere Pathogenen starben insbesondere Säuglinge und Kleinkinder an der Antoninischen Pest, die zur Auslöschung einer ganzen Generation führte [24].

Eine überragende Kultur kann nicht von außen her erobert werden, so lange sie sich nicht von innen her selbst zerstört hat.

Will Durant

Apollons Rache

Die Menschen des Altertums waren den Seuchen hilflos ausgeliefert. Man wusste nicht, was Krankheitserreger sind und wie sie sich verbreiten. Bestenfalls hatte man die Vorstellung, dass Seuchen durch Luftverschmutzung ähnlich einer Giftwolke verursacht wurden. Das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der sich die Antoninische Pest im Römischen Reich ausbreitete, übertraf jedoch alle bisherigen Erfahrungen mit Seuchen. Ähnlich wie beim Coronavirus waren die Pockeninfizierten in der Lage, das Virus schon während der 12-tägigen Inkubationszeit weiter zu verbreiten, bevor sie bettlägerig wurden.

Die Antoninische Pest reichte also nur einen Meter weit – was aber, millionenfach wiederholt zum Problem wird.

Kyle Harper [25]

In Ermangelung einer vernünftigen Erklärung wurde die Ursache der Antoninischen Pest als ein Fluch der Götter verstanden, die zornig waren und besänftigt werden mussten. Vor allem der griechische Gott Apollo wurde mit der Pest in Verbindung gebracht.

In der Ilias, einem der ältesten belletristischen Werke Europas, schändeten die Griechen einen Apollon-Tempel und versklavten Chryseïs, die Tochter des Apollon-Priesters Chryses. Außerdem entehrten und verjagten sie den Priester, als er sie um die Freilassung seiner Tochter bat. Zur Vergeltung schickte der Bogenschütze Apollon eine Seuche mit seinen Pfeilen in das griechische Lager.

Im Nachhinein wurden „Fake News“ verbreitet, um Lucius Verus und seinen General Avidius Cassius zu verunglimpfen, der später versuchte, Mark Aurel seiner Herrschaft zu entreißen. Sie behaupteten, der General wäre für die Entweihung eines Apollo-Tempels in der parthischen Hauptstadt Seleucia verantwortlich. Es hieß, die Plünderer hätten ein heiliges Gefäß zerbrochen, wodurch ein darin eingeschlossener giftiger Dampf entwichen wäre.

Apollon war nicht nur für seine Rache bekannt. Er galt auch als Gott der Heilung, Behüter des Lebens und Beschützer vor dem Bösen und war dafür berühmt, dass er eine Seuche von Athen abgewendet hatte.

In der griechischen Mythologie hatte die eifersüchtige Göttin Hera den Drachen Python damit beauftragt, Leto, die Geliebte ihres Göttergatten Zeus zu töten, während sie mit seinen Kindern, den Zwillingen Apollon und Artemis, schwanger war. Doch der Drache konnte Leto nicht finden und so verfolgte Apollon ihn nach der Geburt im Alter von vier Jahren und tötete ihn mit seinem Bogen.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Verehrung Apollons zur Zeit der Antoninischen Pest eine Blütezeit erlebte. Stadtabgeordnete wurden zu seinen Orakel entsandt, um sie zu befragen, wie man den Gott besänftigen könnte. Auf seinen Wunsch wurden zahlreiche Apollo-Statuen im ganzen Reich errichtet. In einem dokumentierten Fall hatte er vernünftigerweise das Küssen verboten, eine wichtigen Form der Begrüßung im Mittelmeerraum der Antike. Im Fahrwasser der Orakel trieben zahlreiche Scharlatane. Ihre Abwehrzauber, Schutzamulette, Ausräucherungen und Sühnemaßnahmen hatten Hochkonjunktur [26].

Die ersten Christen in Lugdunum

Die religiöse Erfolgsstrategie der Römer beruhte auf dem antiken Polytheismus. Die von ihnen eroberten Völker konnten weiterhin ihre Götter verehren und ihre religiöse Zeremonien ausüben. Die soziale Erfolgsstrategie bestand darin, die Oberschicht der eroberten Völker über eine Teilhabe an der Macht zu romanisieren. So wurden aus den Galliern im Laufe der Generationen Römer und die keltischen Götter gingen auf in der römischen Götterwelt.

Typisch für die Römer war die schlichte Übertragung fremder Gottheiten. Ihren Götterhimmel hatten sie von den Griechen übernommen, so wurde Zeus zu Jupiter, Hera zu Juno, Poseidon zu Neptun, Ares zu Mars, Aphrodite zu Venus, Artemis zu Diana oder Apollon zu Apollo. Wie man fremde Götter in die eigene Götterwelt überträgt, hatten die Römer von den Griechen gelernt. Vor allem ägyptische Götter wurden von den Griechen übertragen, so wurde Amun zu Zeus, Osiris zu Dionysos oder Ra zu Apollon [27].

Die religiöse Erfolgsstrategie stieß jedoch an ihre Grenzen im Aufeinandertreffen mit monotheistischen Religionen, die nur einen einzigen allumfassenden Gott anerkannten, der keine anderen Götter neben sich zuließ. Davon zeugen die wiederholten Aufstände der Juden und die Kriege, die von den Römern gegen sie geführt wurden.

Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Aus den Zehn Geboten der Bibel: Das Buch Exodus, Kapitel 20,3

Anfänglich machten die Römer keinen Unterschied zwischen Christen und Juden. Lediglich einzelne Verfolgungen von Christen in Rom sind dokumentiert [28]. Die früheste nichtchristliche Quelle zum Christentum stammt aus der Kaiserzeit Traians (98-117). Zu jener Zeit wurden Christen geduldet, so lange sie ihre Religion im Verborgen praktizierten. Wer sich jedoch öffentlich als Christ bekannte, wurde hingerichtet. Jedoch sollten sie nicht gezielt ausfindig gemacht und anonyme Anzeigen nicht berücksichtigt werden.

Der früheste Bericht über Christen in Lugdunum stammt von Eusebius von Caesarea. Er beschreibt die Verfolgung einer kleinen Gruppe von Christen im Jahr 177, während sich eine zweite Welle der Antoninischen Pest im römischen Reich ausbreitete. Die Christen durften ihre Wohnungen nicht verlassen, der Zugang zu den Bädern und zum Markt war ihnen untersagt. Es gab tätliche Angriffe durch eine aufgehetzte Masse, Beschimpfungen, Schläge und Steinwürfe. Als Sündenböcke machte sie der Mob verantwortlich für die Pest. Mit dem Abendmahl wurde ihnen Kannibalismus, mit ihren Anreden „Bruder“ und „Schwester“ Inzest nachgesagt [29].

Die Amtsinhaber der Stadtverwaltung sahen sich gezwungen, einen aufkommenden Pogrom zu kanalisieren, den sie möglicherweise selbst angezettelt hatten. Jedenfalls fanden sie eine Lösung, die ein weiteres Problem für sie lösen sollte.

Besonders schlimm heimgesucht von der Seuche wurde das Militär, das nach Abebben der ersten Welle Anfang der 170er Jahre nahezu ausgelöscht war. Um die klaffenden Lücken zu schließen, wurden neue Legionäre rekrutiert, selbst aus Regionen, die zuvor gemieden worden waren [30]. Man rekrutierte Sklaven und Gladiatoren, indem man ihnen nach dem Militärdienst die Freiheit versprach [31], vergleichbar heute mit der Anwerbung russischer Strafgefangene durch die Söldnertruppe Wagner [32].

Durch den Mangel an Gladiatoren stiegen ihre Preise und damit die Kosten für die Durchführung von Gladiatorenspielen. Für die Stadtverwaltung von Lugdunum, die für die Finanzierung aufkommen musste, überstiegen sie das erträgliche Maß. Deshalb ersuchte der für Lugdunum zuständige Prokurator den Kaiser, die Marktpreise für Gladiatoren zu begrenzen. Mark Aurel und Senat antworteten mit einem Dekret, das den Einsatz zum Tode verurteilter Verbrecher als Gladiatoren gestattete [33].

Daraufhin wurden die Christen in Lugdunum von Soldaten, begleitet durch Mob und Stadtverwaltung, vor das Tribunal geschleppt [34]. Nachdem man sie dort nach ihrem Glauben befragt und sie sich zum Christentum bekannt hatten, wurden sie zum Tode verurteilt. Diejenigen aber, die zum Kummer der Standhaften ihrem Glauben abgeschworen hatten, konnten ihr Leben retten.

Die verurteilten Christen wurden als Gladiatoren an die Veranstalter der Spiele übergeben, die sie im Vorprogramm der Spiele einsetzen, wo sie zur Erbauung des Publikums gegen professionelle Gladiatoren antreten mussten oder wilden Tieren ausgesetzt wurden. Das Hauptprogramm wurde von den wenigen professionellen Gladiatoren bestritten, die nicht zum Militär gegangen waren.

Auf diese Weise konnte die Stadtverwaltung nicht nur den Mob zufrieden stellen, sondern auch die Kosten für die Gladiatorenspiele begrenzen. Aus Sicht der Christen folgten diejenigen, die sich zum Christentum bekannt hatten, dem Leiden und Opfertod Christi und wurden in die Schar der Märtyrer [altgriechisch: μάρτυς (mártys); deutsch: Zeuge oder Zeugnis] aufgenommen.

Der Niedergang Lugdunums

Der Nachfolger Mark Aurels wurde dessen Sohn Commodus, ein Sinnbild für Grausamkeit, Degeneration und Cäsarenwahn. Er wurde 192 ermordet, nachdem er sich mit dem Senat überworfen hatte. Im darauffolgenden Fünfkaiserjahr 193 kam es zu Bürgerkriegen zwischen den Truppen von fünf Anwärtern auf die Führung des römischen Reiches, von denen Septimius Severus und Clodius Albinus am Ende übrig blieben. In einer der größten Schlachten der römischen Geschichte, der Schlacht bei Lugdunum am 19. Februar 197, kämpften ihre Truppen um die Entscheidung, aus der Septimius Severus als Sieger und alleiniger Kaiser hervorging.

Unglücklicherweise hatte sich Lugdunum auf die Seite des Verlierers gestellt. Albinus, der über einen Großteil des westlichen Imperiums herrschte, war 193 von den britischen und hispanischen Legionen zum Kaiser aufgerufen worden. 196 zog er mit einem Großteil seines Heeres von Britannien nach Gallien, übernahm Teile des gallischen Militärs und machte Lugdunum zum Winterquartier seiner Streitkräfte, um von dort im Frühjahr über die Alpenpässe nach Oberitalien vorzudringen. Doch Severus kam ihm zuvor. Nach der Niederlage wurde Lugdunum von seinen Truppen geplündert und die Oberschicht, die Albinus unterstützt hatte, wurde grausam verfolgt [35].

Nach den tödlichen Auswirkungen und wirtschaftlichen Folgen der Antoninischen Pest und den Plünderungen und Zerstörungen durch die siegreichen Truppen des Severus, hatte Lugdunum seine Oberschicht und seine Besitztümer verloren. Danach konnte sich die Stadt nicht mehr erholen und ihr politischer und wirtschaftlicher Niedergang war vorgezeichnet.

Am Ende des 3. Jahrhunderts wurde ihr von Kaiser Probus das Weinhandelsmonopol für ganz Gallien entzogen und Diokletian machte Trier zur Hauptstadt Galliens. Lugdunum blieb danach lediglich Verwaltungssitz der kleinen Provinz Lyonnaise Première, die nur Lyon, Langres und Autun umfasste. Nachdem das 30 Kilometer südlich gelegene Vienne Verwaltungszentrum wurde, verlor Lugdunum seine Bedeutung für den Handel [36].

Anfang des 4. Jahrhunderts brach die Wasserversorgung der Stadt zusammen, weil die Bleileitungen der Aquädukte geplündert wurden und die Stadtverwaltung nicht in der Lage war, die Schäden zu beheben. Die Einwohner verließen daraufhin den Hügel und siedelten sich am rechten Ufer der Saône an [37].

Im Jahr 461 wurde die Stadt durch die Burgunder und 534 von den Franken erobert, bevor die Justinianischen Pest sie heimsuchte, die 543 im Tal der Rhône grassierte. Schließlich wurde die Stadt 725 von den aus Spanien einfallenden Arabern verwüstet und hatte bis zum 11. Jh. keine überregionale Bedeutung.

Im Mittelalter verkürzte sich der Stadtname von Lugdunum über Lugdon und Luon bis ins 13. Jh. zu Lyon. Damit endet die Geschichte der Stadt im ersten der beiden Beiträge über Lyon.

Der Aufstieg des Christentums

Die Ethik des Christentums, geprägt durch aufopfernde Nächstenliebe, beförderte verwandtschaftsähnliche Netzwerke zwischen zuvor völlig Fremden. Jeder Mensch, ohne Ansehen seines Standes, seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts, war willkommen. Die Christen waren die einzigen, die sich um eine Grundversorgung der Kranken kümmerten. Der Glaube an die Wiederauferstehung stärkte sie gegen die Angst vor dem Tod. Ihr selbstloses Verhalten in den Seuchen und die Standhaftigkeit ihrer Märtyrer hatten zur Folge, dass immer mehr Menschen zum Christentum übertraten [39].

Diese Entwicklung begann in der Antoninischen Pest und steigerte sich in der nachfolgenden Cyprianischen Pest (250-270). Während die römischen Verwaltungen durch die Seuchen geschwächt wurden oder regional zusammenbrachen, gelang es den Christen, mit dem Aufbau von Bistümern eigene Verwaltungsstrukturen zu etablieren [39]. So auch in Lugdunum, das im 2. Jh. einen Bistumssitz erhielt, das bereits im 3. Jh. Erzbistum wurde [40]. Kaiser Diokletians Versuch, die ursprüngliche römische Einheit von Staat und Religion mit einer Christenverfolgung (ab 303) wiederherzustellen, scheiterte und wurde 311 mit einem Toleranzedikt seines Nachfolgers Galerius beendet, in dem das Christentum offiziell als Religion anerkannt wurde.

Die Ersetzung der römischen Staatsreligion durch das Christentum wurde unter Konstantin dem Großen vorbereitet und 380 von Theodosius I. durchgeführt. Sein Edikt Cunctos populos erklärte das Christentum zur alleinigen Staatsreligion und stellte die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe [41].

Zwei innerhalb von hundert Jahren aufeinanderfolgende Pandemien im römischen Reich, die Antoninische und Cyprianischen Pest, führten nicht nur zum Niedergang des Imperiums. Sie begünstigten auch den rasanten Aufstieg des Christentums und der christlichen Kirche.

Erzengel Michael und Jungfrau Maria

Götterpaare in der Antike

Im Polytheismus der Antike gab es viele Götterpaare aus einer weiblichen und einer männlichen Gottheit, die Zwillinge, Geliebte oder Mutter und Sohn waren. Die weiblichen Gottheiten waren hervorgegangen aus der Großen Mutter [latein: Magna Mater] und wurden als Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin verehrt. Die männlichen Gottheiten ergänzten die weiblichen, indem sie das Wachstum als Gott der Sonne, des Lichts oder des gestirnten Nachthimmels beförderten oder es mit ihrem Samen in Gang brachten.

In der griechischen Götterwelt waren Apollon und Artemis Zwillinge. Apollon war ein Gott des Lichts, der Reinheit, der Künste und der Heilkunst. Die Pfeile seines Bogens repräsentierten das gerichtete Licht der Sonne. Seine Schwester Artemis, eine Jungfrau, war eine Göttin der Jagd, der Wildnis, der Pflanzen und Tiere. Sie repräsentierte die wilde, unabhängige und unberechenbare Natur der Erde. In der römischen Mythologie wurde das griechische Götterpaar übernommen und umbenannt in Apollo und Diana. In der keltischen Mythologie der Gallier gab es das Mutter-Sohn-Paar aus der Erdmuttergöttin Tailtiu und ihrem Sohn, den Lichtgott Lugh.

Die weibliche Gottheit Kybele ging aus dem dämonischen Zwitterwesen Agdistis hervor, das sich auf Druck der übrigen Götter selbst entmannte. Aus dem abgeschnittenen Penis entstand die männliche Gottheit Attis. Kybele, eine Erd- und Muttergöttin, wurde durch das Blut des himmlischen Attis befruchtet und stand damit für die fruchtbare, kultivierte Natur der Erde. Ursprünglich wurde das Götterpaar in Phrygien (Kleinasien) verehrt. Ihr Kult wurde von den Römern übernommen und verbreitete sich im ganzen römischen Reich. Aspekte von Kybele wurden von den Griechen in den Göttinnen Rheia und Demeter übernommen, die von den Römern in Ceres umbenannt wurde.

Das Zerstückelungsmotiv ist ein zentraler Bestandteil vieler Schöpfungsmythen und Initiationsriten. „Bevor etwas reintegriert und ganzheitlich zusammengefügt werden kann, bedarf es der Zerstörung und Zerstückelung, die Todeserfahrung geht jeder Wiedergeburt voraus, Desintegration ist unumgänglich für Reintegration,“ [47]. Der Zerstückelungsmythos vieler Kulte wurde in ihren Tieropferungen wiederholt, indem die Tiere nach einer rituellen Tötung zerteilt, gebraten und von den Anhängern des Kultes einverleibt wurden.

Im Christentum wurde das Zerstückelungsmotiv in der Kreuzigung übernommen. Bevor Jesus am Kreuz stirbt und wieder aufersteht, musste er durch das Brechen von Knochen, Zerreißen von Bändern und Zerteilen der Glieder durch Nägel eine innere Zerstückelung erleiden. Sie wird im Abendmahl rituell wiederhol durch das Brechen von Brot und das Teilen von Wein, bevor das Brot als Leib und der Wein als Blut Christi von den Gläubigen einverleibt werden.

Man findet das Zerstückelungsmotiv auch in der ägyptischen Mythologie der Zwillinge Osiris und Isis, die sich bereits im Mutterleib liebten und als Erwachsene ein Paar wurden. Nachdem Osiris von seinem Bruder Seth getötet wurde, zerstückelte er die Leiche in 14 Teile und verteilte sie auf dem Ackerland des Reiches. Nur den Penis warf er in den Nil, wo er von Fischen gefressen wurde. Nachdem Isis alle übrigen Teile wiederfinden konnte, ersetzte sie das fehlende Original durch einen selbst gefertigten Phallus, fügte alle Teile zusammen und erweckte Osiris für kurze Zeit zum Leben. Bevor er für immer in die Unterwelt hinabstieg, schwebte sie als Falke über seinem rücklings liegenden Körper und zeugte mit ihm ihren Sohn Horus [42]. So entstand ein neues göttliches Paar aus Mutter und Sohn. Horus wurde als Sonnengott, Iris als lebenspendende Göttin der Geburt, der Wiedergeburt und der Magie und Osiris als Gott der Fruchtbarkeit und Landwirtschaft verehrt.

Als Gott des Todes und der Unterwelt war Osiris in besonderer Weise mit dem Sonnengott Re verbunden. Wenn Re mit seiner Sonnenbarke in der Nacht die Unterwelt durchquerte, vereinigte sich die Seele des Sonnengottes mit dem Körper des Totengottes. Dadurch gestärkt konnte der Sonnengott am nächsten Morgen wieder im Osten aufsteigen [43]. Nach der Einverleibung Ägyptens verbreitete sich der Isis- und Osiriskult zunächst in der hellenistische Welt und bald danach im römischen Reich.

Eine Verbindung, wie zwischen Osiris und Re, findet man auch im Mithraskult, dessen Gottheit Mithras häufig als Sonnengott missverstanden wird. Maria Weiß, eine deutsche Archäologin aus Osterburken, konnte durch die Entschlüsselung von Kultbildern zeigen, dass Mithras ein Gott des gestirnten Nachthimmels ist, der sich mit seinem komplementären Gefolgsmann Sol, dem Sonnengott des Taghimmels, gemeinsam täglich um dieselbe Achse dreht [44]. Der Mysterien- und Einweihungskult war sehr beliebt bei Söldnern, wodurch er sich im gesamten römischen Reich schnell verbreitete. Frauen waren ausgeschlossen und vielleicht kannte er deshalb auch keine weibliche Gottheit.

Als Theodosius I. das Christentum zur römischen Staatsreligion erklärte, waren die paganen Erdgöttinnen und Himmelsgötter mit ihren Kulten noch weitverbreitet und erfreuten sich großer Beliebtheit. Ein Verbot reichte nicht aus, um die Menschen davon abzuhalten.

Der Monotheismus des Christentum ließ nur einen einzigen Gott zu, der sich in einer männlichen Dreifaltigkeit, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, darstellte. Bestenfalls konnten sie die männlichen Himmelsgötter ersetzen. Das größere Problem für das Christentum war das Fehlen einer mütterlichen Gottheit, die der Erde verbunden war.

Die Verehrung der Jungfrau Maria

Lyon 1 14
Schwarze Madonna mit Kind
Kapelle des Heiligen Thomas auf dem Fourvière

Kyle Harper sieht die Wiege der Marienverehrung in Palästina [48]. Viele Menschen, die sich dem Christentum angeschlossen hatten, begannen Maria, die Mutter Christi, als Mutter Gottes zu verehren.

In Begleitung des Apostels und Evangelisten Johannes soll Maria aus Jerusalem nach Ephesos geflohen sein, das damals ein bedeutendes geistliches Zentrum für zahlreiche Religionen war. Johannes soll dort eine der ersten christlichen Gemeinden gegründet und sein Evangelium geschrieben haben. Ob Maria von 40 bis 50 in Ephesos lebte, bis zu ihrem Tod im sogenannten Haus der Mutter Maria wohnte und in der Nähe begraben wurde, ist nicht erwiesen [47]. Das Gebäude wurde nach einer Beschreibung in den Visionen der Anna Katharina Emmerick, der Mystikerin des Münsterlandes, gefunden.

Gott führt jeden seinen eigenen Weg; und was macht es, ob wir auf diesem oder jenem Weg zum Himmel kommen?

Anna Katharina Emmerick (aus: Zitate)

Der heilige Paulus (ca. 10-60) geißelte die Verehrung weiblicher Gottheiten als Götzendienst. Während er sich in Ephesos (52-55) aufhielt und dort eine Schule leitete, zog er sich deswegen den Zorn der Einwohner zu. Die Stadt war ein bedeutender Wallfahrtsort der Artemis. Die Silberschmiede, die vom Geschäft mit Devotionalien – kleinen Tempeln und Statuen aus Silber – lebten, zettelten einen Aufruhr an, zogen mit dem aufgebrachten, lärmenden Mob durch die Straßen und skandierten „Groß ist die Artemis der Epheser!“.

Eine Beantwortung der Frage, ob Maria, die Mutter Christi, wie ihr Sohn eine christliche Gottheit ist, wurde immer dringlicher für die Kirchenführer, da die wachsende Marienverehrung sich zu verselbständigen drohte, nachdem das Christentum 380 zur alleinigen Staatsreligion erklärt und die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe gestellt wurden. Die Menschen wollten endlich erfahren, ob Maria ein Mensch oder eine Göttin ist.

Anfang des 5. Jh. hatten sich in der Kirche zwei widersprechende Positionen herausgebildet. Die Katechetenschule von Alexandrien (heute: Alexandria) betrachtete Maria als „Gottesgebärerin“. Dagegen war Maria für die Schule von Antiochia (heute: Antakya) lediglich „Christusgebärerin“, die ihn als Mensch geboren hatte. Erst mit seiner Taufe im Alter von 30 Jahren wäre das Wort Gottes in ihm Fleisch geworden.

Das Konzil von Ephesos

Lyon 1 13
Das Konzil von Ephesos
Kyrill von Alexandria erklärt Maria zur Gottesgebärerin
Wandmosaik der Notre-Dame de Fourvière
(Entwurf: Georges Décôte, 1910)

Im Jahr 431 fand das Dritte Ökumenische Konzil statt, das auf Drängen der „Gottesgebärer“ von Kaiser Theodosius II. in der Marienkirche in Ephesos einberufen wurde, die man möglichweise zu diesem Zweck errichtete. Die „Christusgebärer“ reisten aus Angst vor den Einwohnern erst gar nicht an oder kamen zu spät. Und so wurde Maria zur „Gottesgebärerin“ und damit zur Mutter Gottes erklärt. Die Nachfahren des Mobs aus dem 1. Jh. hatten in großer Spannung vor der Kirche ausgeharrt. Als das Ergebnis öffentlich verkündet wurde, brachen sie in Begeisterung aus und begleiteten die Bischöfe bei Fackelschein und mit Blumenkränzen geschmückt zurück in ihre Herbergen. Nach dem Konzil gab es zwar noch ein Hin und Her, um die Entscheidung zu revidieren, aber am Ende blieb es dabei [47].

Die schwarze Madonna

Mit dem Konzil von Ephesos tritt Maria die Nachfolge von Artemis und allen anderen im römischen Reich verehrten weiblichen Erdgöttinnen an. In zahlreichen bildlichen Darstellungen von Maria findet man Attribute, die von ihren Vorgängerinnen übernommen wurden: den blauen und sternenbesäten Mantel der Demeter, der sie umhüllt wie die blaue Atmosphäre die Erde, die Ähre der Demeter und das Thronen auf einer Erdkugel und Mondsichel von Artemis und Diana. Von Isis erbte Maria die sitzende Haltung mit Kind und von Artemis die Jungfräulichkeit und schwarze Hautfarbe.

Von den Schwarzen Madonnen gibt es heute noch zahlreiche Exemplare in ganz Europa. Sie sind gehäuft in Frankreich zu finden, wie z.B. in Mont-Saint-Michel, und werden dort Vierge Noire [deutsch: Schwarze Jungfrau] genannt. Nur wenige von ihnen werden in Museen ausgestellt, die meisten befinden sich in Kirchen oder Schreinen, wo sie von Gläubigen sehr verehrt werden.

Warum sie schwarz sind, ist bis heute nicht geklärt. Möglichweise wurden ihre Köpfe und Hände (wie in Artemis-Statuen?) ursprünglich aus Blei oder Silber hergestellt oder mit einer bleihaltigen Farbe angemalt, die mit der Zeit oxidierten und daher dunkler wurden. Eine Beantwortung der Frage, ob die Schwarzen Madonnen von Anfang an geschwärzt waren oder erst mit der Zeit schwarz wurden, ist letzten Endes unerheblich. Die Schwärze wurde im Laufe der Zeit zu einem wichtigen Element ihrer religiösen Identität, so dass es seit dem 17. Jh. Bildhauer gab, die sie nachweislich von Anfang an schwarz gestalteten [51].

Die Mutter Gottes in der Justinianischen Pest

Während der spätantiken Kleinen Eiszeit (ca. 450-700), einer drastischen Kälteperiode, kam es 541 nach Hungersnöten und zwei großen Vulkanausbrüchen (536 und 540), die eine Verdunkelung des Sonnenlichts und einen weiteren Temperatursturz zur Folge hatten, zum Ausbruch der Justinianischen Pest, einer Pandemie, der apokalyptische Ausmaße zugeschrieben wurden. Sie wurde ausgelöst durch das hochansteckende Pestbakterium, verlief in unregelmäßigen Wellen, die bis ins Jahr 770 andauerten und führte zu einem Massensterben, das die Bevölkerung halbierte. Angesichts der unerklärlichen Schrecken, die das Klima und die Seuche verbreiteten, sah man den Tag des Jüngsten Gerichts nahe, wie er in der Offenbarung des Johannes beschrieben wurde.

In jener Zeit erfuhr die Marienverehrung ihren größten Aufschwung. Maria übernahm die Rolle, die Apollon in der Antoninischen Pest hatte. Jedoch ging es nicht darum, sie zu besänftigen. Vielmehr wurde sie als Mutter Gottes angefleht, vor einem zornigen Gott Fürbitten für die Menschen einzulegen.

In Jerusalem ließ Kaiser Justinian das ganze Stadtzentrum umbauen, um die Nea-Kirche, eine monumentale Marienkirche, zu errichten, die doppelt so groß wie der Tempel Salomons war. Sie wurde 543, zwei Jahre nach Ausbruch der Pest, eingeweiht und im 7. Jh. völlig zerstört. Von Konstantinopel, das unter Marias Schutz stand, breitetet sich ihre Verehrung im 6. Jh. im ganzen Reich aus [52].

Als die Perser nach der Einnahme Jerusalems 626 vor Konstantinopel standen und sich zur gleichen Zeit ein Heer von Awaren näherte, trugen die Einwohner Ikonen Marias durch die Straßen, während Kaiser Herakleios einen heftigen Gegenangriff mit Christus- und Marienikonen an der Spitze seiner Armee startete. Wie durch ein Wunder wurde Jerusalem zwei Jahre später zurückerobert. Maria nahm während der Krise den beherrschenden Platz im religiösen Leben der Stadt Konstantinopel und wahrscheinlich im ganzen Reich ein [53].

Die Verehrung des Erzengel Michaels

Eine Verehrung des Erzengel Michael wurde im frühen Christentum vom heiligen Paulus aufgrund seiner Bedeutung für das Judentum strikt abgelehnt. Das Konzil von Laodicea im Jahr 360 bezog sich auf Paulus und verbot eine Verehrung Michaels [54]. Die Christen ließen sich jedoch davon nicht abhalten und so verbreitete sie sich ausgehend vom oströmischen Reich. Sie folgte der Marienverehrung, brauchte jedoch länger und erreichte Nordeuropa erst im 7. Jh..

Viele neue Kirchen, die während Justinianischen Pest entstanden, waren entweder Maria oder Michael geweiht worden. Die Bauwerke wurden gestiftet von Christen, die um den Beistand der Heiligen gebetet hatten und von der Pest verschont blieben [55].

Michaels Verehrung während der Pest wuchs, da er als Bezwinger des Bösen und Schützer des Lebens die Lücke schließen konnte, die das Ausscheiden Apollons hinterlassen hatte. Dessen göttlichen Aufgabe der Mäßigung übernahm Michael mit seinem Namen „Wer ist wie Gott!“.

Als männlicher Krieger und Anführer der himmlischen Heerscharen war er nicht nur ein Vorbild für die Soldaten, sie waren auch bereit ihm zu folgen. In dieser Eigenschaft bot er auch für Söldner, die zuvor Mithras verehrt hatten, eine attraktive christliche Alternative. Bis heute ist der Erzengel Michael in vielen Ländern ein Schutzpatron der Soldaten und Polizisten, so auch in Deutschland [56]

Im Jüngsten Gericht war es Michaels Aufgabe, das Gewicht des Herzen (als Sitz der Seele) eines jeden Menschen zu messen, das darüber entschied, ob er von Engeln in den Himmel geleitet oder von Teufeln in die Hölle verstoßen wurde. Der Erzengel übernahm damit die Funktion des Totengottes Anubis im altägyptischen Totengericht, der im Mittleren Reich durch den Totengott Osiris ersetzt wurde.

Die Christen übertrugen die heidnischen Götterpaare der Antike in das christliche Heiligenpaar aus Jungfrau Maria und Erzengel Michael, in dem die Jungfrau Maria als Mutter Gottes und Michael als Anführer der himmlischen Heerscharen in Erscheinung treten.

Fußnoten

[1] vgl. Théo Zuili: Lyon. Le saviez-vous ? Avant, la Presqu’île était une île : on vous raconte son histoire. 9. April 2022

[2] vgl. Karin Schlott: Britannisches Zinn gelangte bis in den Ostmittelmeerraum. 16. September 2019

[3] vgl. Mélanie Mairecolas and Jean-Marie Pailler: Sur les «voies de l’étain» dans l’ancien Occident. 2010.

[4] vgl. Oppidum Avaricon(Bourges)

[5] vgl. Florent Deligia: Histoire : que trouvait-on à Lyon avant Lugdunum? 18. März 2020

[6] zitiert nach: godsandgoddesses.org © 2023: Lugh. Original: „However, the Middle Cymric word llug actually does mean ‘bright’ so there might have been been a proto-Celtic root with the component *lug- which actually did mean ‘light‘ […]“. Übersetzung: www.deepl.com/de/translator

[7] vgl. Wikipedia: Kybele- und Attiskult

[8] vgl. Michèle Monin, Djamila Fellague and Éric Bertrand: Le cirque de Lugdunum: Données anciennes et récentes. Gallia Vol. 67, No. 2, 2010.

[9] „oder erst 16-13 v.Chr.“ aus: Helga Botermann: Wie aus Galliern Römer wurden. Stuttgart. 2005. S. 340

[10] vgl. Helga Botermann. S. 346

[11] vgl. Wikipédia: Lugnasad

[12] vgl. Henning Lechner: Tod und Spiele – Der Hintergrund zu Lughnasadh.1. August 2020.

[14] vgl. Stefan Groh: Corona und die Antoninische Pest. 12. März 2020. Der Standard.

[15] vgl. Wikipedia: Antonine Plague > Spread of the disease

[16] vgl. Gernot Kramper: Antoninische Pest – wie eine Seuche den Untergang des römischen Imperiums einleitete. Stern. 29. April 2023

[17] vgl. Kyle Harper: Fatum: Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. München. 2020. S. 169ff.

[18] vgl. Joseph R. McConnell, Andrew I. Wilson, Andreas Stohl, and Jørgen Peder Steffensen: Lead pollution recorded in Greenland ice indicates European emissions tracked plagues, wars, and imperial expansion during antiquity. PNAS Vol 115. No 22. 14. Mai 2018

[19] Bildquellen-Ausschnitt aus: Florian Maizner: Von der Mine zur Münze. Der Weg des römischen Geldes. historia scribere Nr. 15 (2023). S. 24.

[20] Bildquelle: Joseph R. McConnel u.a. ebd. S. 5729

[21] zitiert nach: Joseph R. McConnel u.a. ebd. S. 5727, Übersetzung: www.deepl.com/de/translator

[22] vgl. Hakan Baykal: Hohe Bleikonzentration: Schon die alten Römer verschmutzten die Umwelt. 21. Juni 2019. Tagesspiegel

[23] vgl. Pressemeldung der Durham University: Blei schuld an Kindstod im antiken Rom? I: Antike Welt

[24] vgl. Kyle Harper, S. 174

[26] zitiert aus: Kyle Harper, S.166. Übersetzung: www.deepl.com/de/translator

[25] vgl. Kyle Harper, S. 151ff

[27] vgl. MacGregor , Andreas Wirthensohn, et al.: Leben mit den Göttern. 12. Oktober 2018. München.

[28] vgl. Wikipedia: Christenverfolgungen im Römischen Reich – Einzelne Verfolgungen .15. Juli 2023, 17:13 UTC

[29] vgl. Helga Botermann. S. 370

[30] vgl. Kyle Harper, S. 170f

[31] vgl. Gernot Kramper: Antoninische Pest – wie eine Seuche den Untergang des römischen Imperiums einleitete. 29. April 2023. in: stern.de

[32] vgl. Maxim Kireev: Die Schwerverbrecher von der Front. 23. Juni 2023. in: zeit.de.

[33] vgl. Wikipedia: Mark Aurel- Religionspolitik und Christenverfolgungen. 28. Juni 2023, 20:03 UTC.

[34] vgl. Helga Botermann. S. 374

[35] vgl. Wikipedia: Clodius Albinus.  9. Juli 2023, 22:27 UTC

[36] vgl. Gerda Krapohl: Historie von Lyon. Erftstadt.

[37] vgl. Wikipedeia: Lyon – Histoire – Déclin. 25. April 2023, 18:38‎

[38] vgl. Kyle Harper, S. 232

[39] vgl. Gernot Kramper

[40] vgl. Wikipedia: Lyon. Abruf: 18. Juli 2023, 16:29 UTC

[41] vgl. Matthias von Hellfeld: Christentum wird zur Staatsreligion im Römischen Reich – 27. Februar 380. in: Deutsche Welle, 17.12.2008

[42] vgl. Minneapolis Institute of Art: Ancient Egypt and the Mystery of the Missing Phallus. 12. Dezember 2018.

[43] vgl. Carina Felske: Der Osiris-Mythos

[44] vgl. Maria Weiss: Mithras, der Nachthimmel, eine Dekodierung der römischen Mithraskultbilder mit Hilfe der Awesta. in: Traditio, Vol. 53 (1998). Cambridge. S. 1-36.

[45] vgl. Maria Weiss. S. 20.

[46] vgl. Kyle Harper, S. 396-399

[47] vgl.: Theodora Jenny-Kappers: Muttergöttin und Gottesmutter in Ephesos, Daimon Verlag, Einsiedeln 1986. S. 151ff
[47] zitiert aus: Dr. Lutz Müller und Anette Müller: Zerstückelung. Stuttgart. 26. September 2015, 11:37 Uhr. in: SymbolOnline

[48] Bildquelle: Wikimedia Commons, Standort: The MET New York

[49] Bildquelle: Wikimedia Commons, Standort: Museo Archeologico Nazionale di Napoli

[50] Bildquelle: Wikimedia Commons, Standort: Bielefelder Jodukuskirche

[51] vgl. Wikipedia: Vierge noir > Théories matérialistes. Letzte Änderung 20. Juli 2023 22:42 UTC

[52] vgl. Kyle Harper, S. 396-398

[53] vgl. Kyle Harper, S, 401-405

[54] vgl. Richard Freeman Johnson: Saint Michael the Archangel in Medieval English Legend. Woodbridge. 2005. S. 31

[55] vgl. Kyle Harper, S, 400

[56] vgl. Gedenkmedaille Heiliger Erzengel Michael. 27. Januar 2020. Aus: Website der Deutschen Polizeigewerkschaft Berlin

[57] zitiert nach: Wolf-Dieter Storl: Das Getreidefest. auf: www.storl.de. 22. Juli 2021