Notre-Dame de Bourges

Die Kathedrale Saint-Étienne von Bourges ist eine gewaltige und erhabene fünfschiffige Basilika. Sie beeindruckt durch ihre pyramidale Bauweise, ihr filigranes äußeres Stützwerk aus Strebepfeilern, die Einheitlichkeit ihres Designs, ihre Proportionen und ihre Lichtwirkung im Innenraum. Besonders kunstvoll gestaltet sind die Tympana über den Portalen der Westfassade. Als eines der großen Meisterwerke der Gotik und aufgrund ihrer Bedeutung für die Entwicklung der gotischen Architektur gehört sie seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Auf dem Jakobus-Highway

Der von Vézelay ausgehende französische Jakobsweg Via Lemovicensis verläuft in seiner nördlichen Variante über die Kathedrale von Bourges und von dort aus weiter nach Châteauroux und Limoges, wonach der Weg benannt wurde. Seit 1998 wird die Kathedrale auch als Teil des Weltkulturerbes „Jakobsweg in Frankreich“ aufgeführt.

Auf der Achse des Lichts

Außer einer Straße „Route de Saint-Michel“, die aus Bourges zur zehn Kilometer entfernten Ortschaft Saint-Michel-de-Volangis mit einer gleichnamigen Kirche führt, gibt es keine Anzeichen, die den Erzengel mit der Stadt Bourges in Verbindung bringen könnten. Auch auf einer Ansicht der Stadt aus dem Jahr 1566 findet man keine Kirche, die Saint-Michel geweiht ist.

Dennoch wurde Bourges von Lucien Richer auf der Achse des Apollon und Michael gelistet und Paul Broadhurst besuchte sie mit seinen Begleitern. Grund genug, sie bei einer Reise auf der Achse des Lichts zu besuchen.

Auch wenn keine Spuren Michaels (mehr) in einem Ort auf der Achse des Lichts zu finden sind, so gibt es möglicherweise noch Spuren von Maria. Denn die drei vorausgehenden Stationen – St Michael’s Mount, Mont-Saint-Michel und Le Mans – hatten überraschenderweise offenbart, dass dort nicht nur Michael, sondern auch Maria vertreten war. Der Beitrag über die Kathedrale von Bourges konzentriert sich deshalb auf eine Spurensuche Marias, die überraschende Ergebnisse liefert und am Ende zu einer wagemutigen Hypothese führt.

Die Vorgeschichte der Kathedrale

Bourges in der Antike

Für das Verständnis der frühgeschichtlichen Besiedlung von Bourges ist die Betrachtung ihrer Topographie wichtig. Die Stadt, deren Mittelpunkt die Kathedrale ist, befindet sich auf der Spitze einer langen, sanft abfallenden Landzunge östlich des Auron-Tals. Die sumpfige Umgebung des Flusses Yèvre bildete ursprünglich ihre nördliche Grenze. Ihr Zusammenfluss findet unmittelbar nordwestlich des Stadtzentrums statt. Obwohl heute stark reduziert, war der Auron in der frühen Neuzeit bis stromaufwärts der Stadt schiffbar [2].

Aufgrund seiner geschützten Lage war der Ort bereits seit der frühen Steinzeit besiedelt. In der Eisenzeit entwickelte sich dort ein wohlhabendes städtisches Zentrum des Handels und der Eisenverarbeitung mit Eisenhütten und Schmieden, die mit Rohstoffen über die Flüsse aus der wald- und eisenerzreichen Region Berry beliefert wurden. Die Abholzungen gingen einher mit einer florierenden Landwirtschaft, insbesondere im Anbau von Getreide, aber auch von Hülsenfrüchten, Hanf- und Leinen sowie in der Schweinezucht [3]. Vor der Eroberung durch die Römer war Avaricon [ihr keltischer Name] die blühende Hauptstadt des keltischen Stammes der Biturigen und mit einer Einwohnerzahl von etwa 40.000 eine der größten Städte Galliens. In vielerlei Hinsicht kann man Bourges mit Le Mans und Lyon vergleichen, die ihren Wohlstand ebenso ihrer Lage an zwei Flüssen und den umliegenden Eisenerzvorkommen verdankten. Wegen ihrer Stadtmauern aus rötlichem eisenhaltigen Gestein zählen sie zu den Roten Städten.

Aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung von Avaricon hatten die Römer ein großes Interesse, sie zu kontrollieren. Nach einem Monat Belagerung unter Führung von Julius Cäsar kam es 52 v. Chr. zu einer blutigen Entscheidungsschlacht. Nach der Erstürmung der südwestlichen Festungsmauer und Einnahme der Stadt wurden 40.000 Menschen durch die römische Armee in einem regelrechten Blutbad niedergemetzelt. Niemand, nicht einmal die Alten, Frauen und Kinder, wurde verschont. Lediglich 800 gallische Krieger überlebten und fanden Zuflucht im nahegelegenen Lager von Vercingetorix. Als Heeresführer der Gallier stand er seinem Widersacher Julius Cäsar in Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit um nichts nach. So ließ Vercingetorix alle unbefestigten gallischen Städte, Weiler und Gehöfte im Umland niederbrennen und zerstören, um die Versorgung der römischen Legionen abzuschneiden.

Nach der Eroberung wurde Avaricum [ihr lateinischer Name] im römischen Stil mit hippodamischen Grundriss und zahlreichen monumentalen Anlagen wiederaufgebaut. Man errichtete Triumphbögen, Aquädukte, Thermalbäder, ein Amphitheater sowie ein Forum. Mit der Neuordnung der Verwaltung unter Diokletian am Ende des 3. Jh. wurde Avaricum die Hauptstadt der Provinz Aquitania prima. Man begann die mit Steinen und Ziegeln befestigte gallo-römische Stadtmauer zu erweitern, verstärkte sie um etwa 50 Türme und installierte vier weitere Tore [5]. Mit einer umschlossenen Fläche von 40 Hektar gehörte sie zu den größten in Gallien. Wie beim Bau der Stadtmauer von Le Mans wurden für ihr Fundament Steine der Monumentalbauten ausgeschlachtet. Nach der Fertigstellung der Mauer im 4. Jh. hieß die Stadt Betoregae, woraus sich ihr heutiger Name Bourges entwickelte. Der Wechsel des Städtenamens von Avaricum zu Betoregae geht einher mit dem Niedergang des römischen Reiches und kennzeichnet eine Rückbesinnung des Volkes auf ihre gallische Identität, die sich selbst Bituriges [deutsch: Weltenkönige, Weltenlenker] nannten.

Die Vorgängerkirchen der Kathedrale

Im 3. Jh. sollen sich die ersten Christen aus der Region Berry an Leocadius, einen Senator in Bourges, mit der Bitte gewandt haben, ihnen einen Raum für ihre Gottesdienste zur Verfügung zu stellen. Leocadius, selbst kein Christ, aber mit christlichen Märtyrern in seiner Familie, soll ihnen daraufhin seinen Palast überlassen haben, aus der eine erste christliche Kirche hervorgegangen sein soll. Nach einer Legende soll der heilige Ursin [lateinisch: ursus; deutsch: Bär] dafür die Initiative ergriffen haben. Als erster Bischof (251–280) soll er das Blut des Saint-Étienne (ca. 1-40), des ersten christlichen Märtyrers, als Reliquie in jene erste Kirche übertragen und sie ihm geweiht haben. Die schriftlichen Aufzeichnungen der Heiligengeschichte des Ursin widersprechen sich in Details. So wird seine Existenz in das erste, zweite oder – in einigen Monographien der Kathedrale – sogar auf das dritte Jh. datiert. Man kann heute davon ausgehen, dass es sich um eine erfundene Legende handelt [6].

Einer Legende nach soll Erzbischof Pallais I. (377–384) die Kirche im 4. Jh. nahe der Stadtmauer wieder aufgebaut haben. Im Laufe der Zeit wurde sie von den nachfolgenden Erzbischöfen erweitert. 1020 veranlasste Gauzlin von Fleury (1013–1030) den Bau einer romanischen Kirche. Sie wurde 1160 in der Amtszeit von Erzbischof Pierre de La Châtre (1141-1171 ) um zwei symmetrische Flügel nach Norden und nach Süden erweitert. Auf ihren Überresten startete Erzbischof Henri de Sully (1183–1200) im Jahr 1195 den Neubau einer großen Kathedrale im gotischen Stil und stellte dafür, unterstützt von einer Gruppe von Domherren und dem Heiligen Stuhl, die benötigen ersten finanziellen Mittel zur Verfügung [7]

Bauphasen der Kathedrale

Der Erbauung der Kathedrale von Bourges erfolgte in der Epoche der Hochgotik und überschneidet sich zeitlich mit dem Bau der Kathedralen Notre-Dame de Paris (1163–1345), Notre-Dame de Chartres (1194-1260) und Saint-Julien du Mans (1217-1400 – gotische Bauphase).

Die Arbeiten in Bourges begannen 1195, vollzogen sich in drei Phasen und endeten mit der Einweihung durch Erzbischof Guillaume de Brosse am 5. Mai 1324:

  1. Phase 1195-1215 – Apsis: Krypta und Chor
  2. Phase 1225-1255 – Langhaus, Türme und Westfassade
  3. Phase 1313-1324 – Stützpfeiler am Südturm

In der Anfangsphase gab es eine enge Verbindung zwischen den Kathedralen in Bourges und Paris, denn Henri de Sully, der Erzbischof von Bourges, war ein Bruder des Erzbischofs von Paris, Eudes de Sully. Man kann davon ausgehen, dass in jener Zeit ein reger Austausch zwischen Bourges und Paris stattgefunden hat.

Zwar gab es einige Gemeinsamkeiten in den Architekturen der Kathedralen von Bourges und Paris (doppelte Seitenschiffe und Chorumgänge, sechsteiliges Gewölbe), aber auch grundlegende Unterschiede. So baute man in Bourges weder ein Querschiff noch Emporen und verwendete eine innovative Kombination aus Kreuzrippengewölbe und Strebebogen, die in Île-de-France in Nordfrankreich erfunden wurde. Da der Name des Architekten nicht überliefert ist, nimmt an, dass er von dorther kam und nennt ihn lediglich „Meister von Bourges“.

Aufgrund ihrer technischen Perfektion und innovativen Formgestaltung entstand gegenüber Chartres in Bourges eine eigenständige, stilprägende Bauschule, die nicht nur in Frankreich, sondern auch in Spanien den Bau von Kathedralen prägte, u.a. in Le Mans (2017), Burgos (1221), Toledo (1222) und Narbonne (1272) [9].

Die Apsis

Der Raum um die Vorgängerkirche war extrem eng. Die Fläche nach Westen war bebaut und nach Osten grenzte die Stadtmauer. Da die Apsis, der halbkreisförmige Abschluss einer Kirche mit dem Altarraum (Chor) in seinem Inneren, in der Regel nach Osten ausgerichtet ist, entschied man sich, sie über die antike Stadtmauer hinauszubauen, um ein größeres Bauwerk zu ermöglichen.

Man holte dafür das Einverständnis des französischen Königs Philippe-Auguste (1180-1223) ein, da die Stadtmauer infolge jener Entscheidung erweitert werden musste. Im Stadtplan von Bourges aus dem Jahr 1703 sind zwei Mauerringe zu erkennen. Man sieht auch, wie die Kathedrale über die antike gallo-römischen Stadtmauer hinausragt.

Dem Vorbild Bourges folgend, baute man 22 Jahre später auch in Le Mans die Apsis über die Stadtmauer hinaus und erhielt dafür ebenfalls die Genehmigung von Philippe-Auguste.

Der Baugrund für die Apsis östlich der Stadtmauer lag etwa sechs Meter tiefer als das Fundament der Vorgängerkirche. Man unterbaute deshalb die Apsis mit einem Kellergewölbe, um den Höhenunterschied auszugleichen. Der dadurch entstandene Gebäudeteil wird heute Krypta genannt, obwohl ihre Bauweise höchst untypisch für eine gotische Krypta ist. Sie ist im Grunde eine Unterkapelle der Kathedrale mit Buntglasfenstern (1400-1405) und einem eigenen Marienaltar.

Der Chor

Nach dem Tod von Henri de Sully wurde Guillaume de Donjean (1200-1209) Erzbischof. Vom Bruder seines Vorgängers und Erzbischof von Paris, Eudes de Sully (1197-1208), erhielt Guillaume ein Kiefernstück und aus Chartres eine Rippe des Saint-Étienne, die ersten dokumentierten Reliquien des Heiligen in Bourges [12]. Giraud de Gros (1209–1218), der Nachfolger von Guillaume, bemühte sich vor allem um dessen Heiligsprechung, die bereits 2018 erfolgte. Mit den neuen Reliquien des Saint-Étienne und des Saint-Guillaume wurde Bourges bald ein bedeutender Anziehungspunkt für Gläubige und Pilger, die mit ihren Spenden zur weiteren Finanzierung der Kathedrale beitrugen.

1209 war die Krypta fertiggestellt und man konnte mit den Bau des Chores darüber beginnen. Nachdem der Rohbau 1215 beendet war, verblieben die Gerüste und die Glaser begannen unverzüglich mit dem Einbau der Buntglasfenster auf drei Ebenen.

In jeder Ebene des Chors gibt es ein zentrales Fenster der Mutter Gottes, das die Fenster der Nordseite (Schattenseite) mit den Fenstern der Südseite (Lichtseite) verbindet:

  • Obere Ebene
    • Propheten des Alten Testaments (Nordseite)
    • Apostel des Neuen Testamentes (Südseite)
  • Mittlere Ebene
    • Heilige Bischöfe des Erzbistum Bourges
  • Untere Ebene
    • Fenster am Chorumgang: Christologische Szenen aus dem
      • Altem Testament (Nordseite)
      • Neuen Testament (Südseite)
    • Fenster in den Radialkapellen: Szenen aus dem Leben der Kapellenheiligen

Radialkapellen im Chor

Es gibt fünf Radialkapellen im Chor, die strahlenförmig aus dem Chor nach Außen hervortreten, von denen zwei beschrieben werden:

  • Zweite nördlich: Sainte-Croix
  • Erste nördlich: Notre Dame de Lourdes
  • Zentral in der Achse: Notre-Dame La Blanche
  • Erste südlich: Sainte-Catherine
  • Zweite südlich: Sainte-Francois

Notre-Dame La Blanche

Die zentrale Radialkapelle in der Achse des Chores ist Maria, der Mutter Gottes, gewidmet, die das Alte Testament (vor Christus) mit dem Neuen Testament (nach Christus) verbindet.

Im linken, nördlichen Fenster ist dargestellt, wie Maria vom Erzengel Gabriel erfährt, dass sie schwanger ist und einen Sohn gebären wird, den sie Jesus nennen soll. Das rechte, südliche Fenster zeigt die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten.

Bemerkenswert ist das zentrale Fenster in der oberen Ebene über der Marienkapelle:

blank
Maria mit Kind – Stephanus mit Kirche
Zentrales Fenster in der oberen Ebene
(ca. 1220-1225) [13]

Im linken Flügel trägt Maria das Jesuskind auf ihrem linken Arm. Im rechten Flügel hält Stephanus (Saint-Étienne) in einer ähnlichen Pose eine Kirche auf seinem rechten Arm, ein Modell der romanischen Vorgängerkirche, die ihm geweiht war. Mit einer Geste seiner linken Hand schiebt er die Kirche von sich zu Maria und widmet ihr mit dieser zugleich segnenden Geste „seine“ Kirche [14]. Die Empfangende bedankt sich mit einer Geste des Dankes, ihrer rechten Hand auf der Brust, und eine Geste der Demut, ihrem zur linken Seite geneigten Kopf. Maria, die Mutter Gottes, schenkt der Menschheit ihren Sohn, Étienne übergibt ihr seine Kirche.

Ein Gegensiegel mit dem Schriftzug „PRIMA SEDES AQUITANIE“ [deutsch: Primas von Aquitanien], das der Erzbischof von Bourges noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts verwendete, zeigt die Kathedrale von Bourges zu jener Zeit [36]. Ihre Darstellung entspricht in ihrer Vereinfachung dem Kirchenmodell in Saint-Étiennes Arm.

Die Ikonografie des Fensters legt nahe, dass die neue Kathedrale von Bourges ursprünglich der Mutter Gottes, Notre-Dame [deutsch: unsere (liebe) Frau], geweiht werden sollte.

Die Umwidmung einer Kirche bei einem Neubau war nichts Ungewöhnliches im Mittelalter. Die Vorgängerkirche der Notre-Dame in Paris, eine Kirche aus dem 6. Jh., ist als Kathedrale St. Étienne dokumentiert. Die Vorgängerkirche der Kathedrale Saint-Julien in Le Mans, eine Kirche aus dem 4. Jh., war Maria und den Mailänder Heiligen Gervais und Protais geweiht.

Notre Dame de Lourdes

Die erste nördliche Radialkapelle des Chor ist der Mutter Gottes gewidmet, die der 14-jährigen Bernadette Soubirous 1858 in Lourdes erschienen war: 

Die drei Buntglasfenster zeigen Szenen aus dem Leben der Heiligen Denis, Peter und Paul sowie Martin.

Das Langhaus

Wegen fehlender finanzieller Mittel und technischer Schwierigkeiten bei der Wiederverwendung der romanischen Seitenportale auf der Nord- und Südseite, ruhten die Bauarbeiten 10 Jahre lang von 2015 bis 1225. Lediglich die Kirchenfenster im Chor wurden fertiggestellt und eingebaut.

Hochverschuldet wurde 1225 mit dem Neubau des Langhauses begonnen, der sich bis 1255 hinzog. Durch den Verzicht auf ein Querschiff und Emporen über den Seitenschiffen entstand ein gewaltiger Innenraum. Ohne störende tragende Wände und Zwischendecken konnte das Licht ungehindert durch die Fenster auf allen Ebenen in den Kirchenraum fluten. Dazu beigetragen hat auch der pyramidale Bau der Seitenschiffe. Es entsteht der Eindruck, als ob sich das gesamte Kirchenschiff über fünf Ebenen erhebt. Diese in Bourges erzielte technische und ästhetische Vollkommenheit wurde in der Gotik nirgendwo anders wiederholt.

Das Kirchenschiff vermittelt den Eindruck eines Waldes. Die gewaltigen Pfeiler streben über ihre weiterführenden Bogen hinauf zu einem Kreuzrippengewölbe wie gewaltige Baumstämme über ihr Astwerk zu einem geschlossenen Blätterdach im Sommer.

Die Erhabenheit und Mannigfaltigkeit der Kathedrale, ihre farbigen Malereien aus Licht, die sich fortwährend auf Böden, Wänden und Pfeilern wandeln, sind überwältigend. Sie erwecken den Eindruck eines von magischem Sonnenlicht durchfluteten Hains. Wie muss sie nur auf die Menschen im Mittelalter gewirkt haben!

Der Reisende, der zwischen seinen riesigen Säulen wandert, ist von Ehrfurcht erfüllt:
Er fühlt das Nichts des Menschen in der Gegenwart der Göttlichkeit.

Stendhal (nach einem Besuch der Kathedrale am 29. Mai 1837) [33]

Seitenkapellen im Langhaus

In die Außenwände der Seitenschiffe sind dreizehn Seitenkapellen eingebettet, die von wohlhabenden, klerikalen und adeligen Familien gestiftet wurden.

Bemalung der Gewölbe im 15. Jh.

Der Schlussstein ist geschmückt mit einer Sonne. Früher dachte man, diese Verzierung sei Ludwig XIV. (1638-1715) zu verdanken. Was die Restaurierung offenbart hat, sind Themen, die spezifisch für Karl VII. (1403-1461) sind, wie Rosen oder weiße Schwertlilien [15].

Man kann davon ausgehen, dass die Decken, Bögen und Pfeiler der Kathedrale in der Vergangenheit bemalt waren. Die Restaurierung vermittelt einen kleinen Eindruck von der farbigen Pracht, die einst den Innenraum erfüllt hat.

Saint Jeanne de France

Rechts neben der Sakristei befindet sich die Kapelle der Familie Trousseau. Sie wurde von dem Kanoniker Pierre Trousseau ca.1403-1404 gestiftet und war eine der ersten Privatkapellen der Kathedrale.

Das Kirchenfenster stammt aus dem Jahr 1891 [16]. Das rechte Fenster stellt eine sitzende Jungfrau mit dem Kind auf ihrem Schoß dar. In den Fenstern davor kniet und betet die Familie Trousseau in drei Gruppen, die (von links nach rechts) von einer heiligen Märtyrerin, einem heiligen Diakon und Jakobus dem Älteren vorgestellt werden.

Seit 1950 steht die Kapelle unter dem Schutz der heiligen Jeanne de France (1464-1505). Sie war eine Tochter Ludwig XI. und führte als Herzogin von Berry von 1499 bis zu ihrem Tode ein heiliges Leben in Bourges. 1501 gründete sie den Orden der Annonciade, weihte ihn der Jungfrau Maria und war seine erste Äbtissin. 1950 wurde sie heiliggesprochen und ist seitdem die zweite Schutzheilige des Erzbistums Bourges.

Saint-Solange

Die Seitenkapelle am östlichen Ende des südlichen Seitenschiffes war ursprünglich eine private Familienkapelle der Familie Boisratier, die von Guillaume de Boisratier Anfang des 15. Jh. gestiftet wurde.

Sie ist heute der jungfräulichen Märtyrerin Saint-Solange (862-ca. 880) geweiht, die in Villemont (Saint-Solange bei Bourges) geboren wurde und die Schutzheilige von Berry ist. 

Die Kapelle aus dem frühen 15. Jh. wurde erst 1805 Saint-Solange gewidmet. Ein wunderschönes Fresko an der Westwand aus dem 15. Jh. wurde 1865 wiederentdeckt und restauriert. Im gleichen Jahr entstand das Gemälde an der Ostwand durch den französischen Maler Jean Charles Geslin (1814-1885).

Der obere Teil des Buntglasfensters stammt aus dem 15. Jh. und wurde datiert über das Wappen Papst Alexander V. (1409-1410). Der untere Teil wurde 1843 durch einen Orkan zerstört und 1869 erneuert. Er stellt die drei Erzbischöfe dar, die an der Renovierung der Kapelle beteiligt waren. Sie knien jeweils vor einem Heiligen, in der Mitte vor Saint-Solange.

La Bonne Mort

Die Seitenkapelle am westlichen Ende des südlichen Seitenschiffes wurde 1517 als erste private Familienkapelle auf der Südseite von Pierre Copin, Kanoniker der Sainte-Chapelle in Bourges, gestiftet.

Das Buntglasfenster wird dem Glasmachermeister Jean Lescuyer (1480-1556) aus Bourges zugeschrieben. Das um 1535 entstandene Fenster wurde 1737 und 1845 restauriert und 1916 gereinigt.

Es zeigt in der oberen Bildreihe das Martyrium des Saint-Étienne und im unteren das des Saint-Laurent, die beide gesteinigt wurden. Nachdem Laurentius im Auftrag des verstorbenen Kaisers Philipp die königliche Schatzkammer an die Armen verteilt hatte, wurde er gesteinigt und schließlich vor Kaiser Decius auf dem Grill hingerichtet.

Die knalligen Farben fallen ins Auge und lassen das Buntglasfenster wie einen hochwertigen Comic aussehen (siehe auch: Chapelle de la Bonne Mort)

Astronomische Standuhr

Die vom Domherren und Mathematiker Jean Fusoris auf Wunsch der Kanoniker der Kathedrale entworfene astronomische Standuhr wurde 1424 hergestellt. Ihre Dekoration ist das Werk des Malers Jean Grangier, bekannt als Jean d’Orléans.

Die obere Uhr zeigt Stunden und Minuten, die untere Mondzyklen, Sonnenstand und Tierkreiszeichen an. Sie ist die älteste in Frankreich erhaltene astronomische Standuhr, steht unter Denkmalschutz der UNESCO und ist am westlichen Ende des südlichen Mittelschiffes aufgestellt. Sie war ursprünglich auf dem Lettner platziert.

Die Türme

Nachdem das Kirchenschiff im Jahr 1255 fertiggestellt, die Westfassade fast vollendet und die beiden Türme die Höhe des Gewölbes erreicht hatten, brach 1259 ein Brand aus, der das Bauwerk schwer beschädigte. Gleichzeitig begannen sich die zu schwachen Fundamente unter dem Gewicht der Türme, je höher man sie baute, zu senken, was zu weiteren Schäden im Gewölbe führte. Man entschloss sich deshalb, die Bauarbeiten vorerst einzustellen und verzichtete darauf, die Türme höher zu bauen und sie mit Glocken auszustatten. So blieb die Kathedrale lange unvollendet.

Im Laufe der Jahre wurde der Südturm durch Witterungseinflüsse und eindringendes Sickerwasser immer baufälliger, so dass eine Befestigung dringend nötig wurde. Eine Schenkung Königs Philipp IV. des Schönen im Jahr 1313 ermöglichte den Bau eines Stützpfeilers am Südturm, um ihn abzufangen.

Nach Fertigstellung des Stützpfeilers und weiteren Ausbesserungsarbeiten an der Westfassade und am Gewölbe wurde ein Weiterbauen der Kathedrale aufgegeben. 1324 wurde sie durch Erzbischof Guillaume de Brosse eingeweiht.

Zwar konnte ein Einsturz des Südturms durch den Bau des Stützpfeilers verhindert werden. Aber 200 Jahre später, am 31. Dezember 1506, stürzte der Nordturm ein und zerstörte das damit verbundene Portal in der Westfassade und das angrenzende Gewölbe. Erst 30 Jahre später wurde der Schaden behoben. Der neue Nordturm wurde im Flamboyantstil neu aufgebaut und ist mit 65m etwas höher als der Südturm.

Der Südturm trägt den Spitznamen „Tour Sourde“ [deutsch: tauber Turm], da er keine Glocken hat. Der Nordturm wird „Tour Beurre“ [deutsch: Butterturm] genannt. Um seinen Wiederaufbau im 16. Jh. zu finanzieren, konnten die Bürger durch Spenden das Recht erwerben, während der Fastenzeit Butter zu essen. 

Die Aussichtsplattform des „Tour de Beurre“ ist über eine Treppe mit 396 Stufen zugänglich und bietet einen außergewöhnlichen Blick auf das Kirchenschiff der Kathedrale, die Stadt Bourges und ihre Sümpfe. Eine Turmbesteigung ist nur in einer Führung möglich, für die man in der Kathedrale ein Ticket buchen kann.

Die Portale der Westfassade

Die Westfassade umfasst fünf Portale, jedes geschmückt mit einem prächtigen Tympanon, das ihr Thema ausgestaltet. Sie werden gelesen von unten nach oben. Aufeinanderfolgende Ereignisse in einer Zeile werden (anders als in den Buntglasfenstern) von rechts nach links gelesen.

Portal des Saint-Guillaume

(1510-1515)

Das Portal wurde nach seiner Zerstörung beim Einsturz des Nordturms im Jahr 1506 im Einklang mit der gotischen Fassade neu aufgebaut, unterscheidet sich jedoch von den anderen Portalen durch einige dekorative Elemente im Flamboyantstil. Das Tympanon veranschaulicht das Leben des Saint-Guillaume, Guillaume de Donjean, Erzbischof von Bourges (1200-1209). Es ist kaum möglich die Darstellungen den dokumentierten Stationen seines Lebens zuzuordnen:

Er soll in Soissons unter Aufsicht seines Onkels Pierre, ein Archidiakon und späterer Paris Kanoniker, erzogen worden sein. Bald trat er in den Orden von Grandmont ein und wechselte 1180 zu den Zisterziensern. Er wurde erst Prior von Pontigny, dann Abt von Fontaine-Saint-Jean und Chaalis, bis er schließlich durch eine Empfehlung des Erzbischofs von Paris, Eudes de Sully, dem Bruder seines Vorgängers, 1200 zum Erzbischof von Bourges ernannt wurde. Guillaume starb 2009 und wurde bald danach 1218 auf Betreiben seines Nachfolgers Giraud de Gros (1209–1218) heiliggesprochen.

Portal der Sainte-Marie

(1510-1515)

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Das Marienportal wurde beim Einsturz des Nordturms ebenfalls beschädigt, konnte jedoch im Stil der erhalten gebliebenen Portale restauriert werden. Das Zentrum des Tympanon illustriert Marias Himmelfahrt, die von Engeln umgeben in die Höhe gehoben wird. In der Szene darüber sitzt sie auf einem Thron an der Seite ihres Sohnes, der ihr eine Krone aufsetzt.

Portal des Jüngsten Gericht

(1240-1250)

Das Tympanon des mittleren Portals stellt die typischen Szenen des Jüngsten Gerichts dar

  • Christus als König, umgeben von Engeln
  • Seelenwägung durch den Erzengel Michael
  • Auferstehung der Toten

Das Jüngste Gericht ist ein zentrales Motiv gotischer Kathedralen, das sich in den Hauptportalen oder Fensterrosen ihrer Hauptfassaden wiederfindet (siehe auch: Das Labyrinth von Chartres).

Der Erzengel Michael wiegt die Seelen der aus den Gräbern auferstandenen Menschen. Ihr Gewicht entscheidet, ob sie in den Himmel oder in die Hölle kommen. Ein kleiner Teufel zerrt die Seele des kleinen Jungen nach unten, doch er hat keine Chance. Sie ist zu leicht. Und so werden die Engel den jungen Auserwählten in Abrahams Schoß, den Vorraum des Himmels, geleiten. Die Verdammten dagegen werden von den Teufeln zum Höllenkessel getrieben und hineingestürzt.

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Portal des Saint-Étienne

(1230-1235, restauriert im 19. Jh.)

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Der Tympanon erzählt die Heiligengeschichte des heiligen Stephanus (Saint-Étienne). Der untere Teil zeigt auf der linken Seite die Weihe Stephanus zum Diakon der Urgemeinde Jerusalems in Gemeinschaft mit sechs weiteren Anwärtern. Der mittlere Teil stellt seine Steinigung dar. Darüber erwartet ihn Christus, umgeben von Engeln, von denen einer über dem Kopf des knieenden Stephanus eine Krone bereit hält.

Portal des Saint-Ursin

(1230-1235, restauriert im 19. Jh.)

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Das Tympanon illustriert einige Episoden aus dem Leben des heiligen Ursinus von Bourges (Saint-Ursin), des legendären Apostel und ersten Bischof von Bourges. Die untere Zeile zeigt seine Berufung zum Missionar, die Überführung eines Schreines mit dem Blut des Saint-Étienne nach Berry, wo er schließlich vor den Menschen predigt. In der mittleren Zeile empfängt er Gläubige und weiht die Kirche Saint-Étienne. In der obere Zeile tauft Ursinus zwei Menschen.

Die Krypta

Ein Besuch der Krypta ist nur in einer Führung möglich, für die man in der Kathedrale ein Ticket buchen kann. Der Besucherzugang befindet sich in der Kathedrale rechts neben dem Nordportal. Über eine Galerie aus Gängen und Treppen gelangt man nach unten. Die Sockel der Spitzbögen an den Wänden sind geschmückt mit Figuren, u.a. ein gekröntes Paar, Gesichter von Männern, Frauen und Kindern.

Ausstellungsraum

Die Krypta wird heute genutzt als Ausstellungsraum. Gezeigt wird u.a. ein Modell des im Original 18m breiten und 6,80m hohen Lettners, der ab 1250 den Chor vom übrigen Kirchenraum abgrenzte.

1562 wurde Bourges von bewaffneten Hugenotten besetzt. Sie verwüsteten die Kathedrale und versuchten, wenn auch vergeblich, sie in Brand zu setzen. Zahlreiche Skulpturen wurden enthauptet oder zerstört, auch am Lettner und an der Westfassade. Nachdem der Chor im 18. Jh. neu gestaltet wurde, ließen die Domherren den Lettner 1758 entfernen. Seine Überreste und einige beschädigte Originale von Apostelstatuen aus der Westfassade sind in der Krypta ausgestellt.

Rotunde

Im Zentrum der Krypta befindet die Rotunde, ein Raum der dem Standort eines Turms in der gallo-römischen Stadtmauer entspricht, der von der Apsis der romanischen Vorgängerkirche umschlossen wurde. Ihre hintere, westliche Wand wurde zwischen 1520 und 1525 mit einer Skulpturengruppe der Grablegung Christi dekoriert. Sie wurde gestiftet von Jacques Dubreuil, einem Domherren, durch die Hugenotten 1562 beschädigt, 1640 restauriert, 1904 vorübergehend entfernt und zuletzt 1986 restauriert.

Josef von Arimathäa (links) und Nikodemus (rechts) halten das Leichentuch. In der Mitte wird Maria von Johannes gehalten. Rechts von ihnen steht Maria Magdalena mit einem Myhrregefäß und links Martha, ihre Schwester, mit einem Kelch und einem Tuch.

Romanische Krypta

Links von der Skulpturengruppe befindet sich eine Tür zur romanischen Krypta, die bereits vor der Kathedrale unter dem erhöhten Chor der romanischen Vorgängerkirche existierte. Dort sollen einst die Reliquen des Saint-Étienne aufbewahrt worden sein, die von den Pilgern durch ein Ochsenauge in der Gewölbedecke vom Chor aus betrachtet werden konnten.

Die einzigen Reliquie, die die Kathedrale von Bourges vor Beginn des 12. Jh. besaß, war das Blut des Saint-Etienne. Es wäre schwer zu verstehen, warum es in diesen kleinen, dunklen und schwer zugänglichen Raum verbannt worden wäre. Der Schrein, der die vom Blut getönten Tücher enthielt, hätte einen Ehrenplatz in der Nähe des Hochaltars verdient [37].

Die Reliquien des Saint-Etienne

Von den sterblichen Überresten Heiliger geht für viele Christen eine besondere Kraft aus. Das gilt insbesondere für den heiligen Stephanus (Saint-Etienne), den ersten Märtyrer der Christenheit. Seit der Antike versprach man sich von einer Berührung seiner Knochen oder vom Trinken einer Flüssigkeit, in die man seine Reliquien eintauchte, das Wunder einer heilenden Wirkung. Bevor man das Grab des heiligen Stephanus im Jahr 417 gefunden hatte, wurden den Steinen aus seiner Steinigung eine Heilwirkung zugesprochen, umso mehr, wenn darauf noch Blutspuren zu erkennen waren. Schon früh ging man dazu über, sein „Blut“ in Phiolen oder in damit getränkten Tüchern zu konservieren, die in Schreinen aufbewahrt wurden. Dabei handelte es sich bestenfalls um eine Mischung aus einer anderen Flüssigkeit mit Knochen- oder Steinmehl, das einen Bezug zum Heiligen hatte. Als Beweis der Echtheit von Reliquien wurden Wunderheilungen angesehen, die durch sie geschahen. Stephanusblut wurde im Mittelalter nicht nur in Bourges, sondern auch in Köln, Metz und Neapel aufbewahrt. Mit dem Auffinden des Stephanusgrabes verloren die Steine an Bedeutung. Man zerteilte das gefundene Skelett und seine Knochen verteilten sich seitdem in alle Welt [17].

Vor allem die Kreuzfahrer sorgten für eine Verbreitung und Verehrung von Reliquien. Bis zum Mittelalter hatte sich ein regelrechter Handel mit ihnen entwickelt, denn je größer und bedeutender der Reliquienschatz einer Kirche war, umso mehr Pilger zog sie an und umso mehr füllten sich ihre Kassen mit Spenden- und Bußgeldern. Doch die Aufbewahrung der Reliquien allein reichte nicht aus. Es mussten auch Wunderheilungen in Verbindung mit ihnen geschehen und verbreitet werden. Ob sie sich tatsächlich ereignet hatten, war nicht von Bedeutung. Ihre Geschichten mussten nur oft genug wiederholt werden, bis die Menschen sie glaubten. Und so ist es auch kein Wunder, wenn der heilige Stephanus vier Arme hatte. In Rom gab es drei Kirchen, die jeweils einen Arm des heiligen Stephanus aufbewahrten, während sich ein vierter in einer großen Kapelle in Konstantinopel befand, die eigens für ihn gebaut worden war [18].

Viele Reliquien in Frankreich verschwanden während der Französischen Revolution. Sie wurden aus den Kirchen geplündert, verbrannt oder auf andere Weise zerstört. So geschah es auch mit den Reliquiender Kathedrale in Bourges [12].

Sarg des Jean de Berry

In der Krypta befindet sich auch der Sarg des Herzogs Jean de Berry (1340-1416), Herzog von Berry und Auvergne. Er galt als Tyrann und zeichnete sich durch Geiz und Habgier aus. Seiner Nachwelt blieb er erhalten als Sammler und Mäzen wertvoller Handschriften (z.B. Très Riches Heures) und Bauherr zahlreicher Paläste. Der Architekt Drouet de Dammartin errichtete für ihn zwischen 1392 und 1397 ein eigenes Mausoleum, die Sainte-Chapelle von Bourges, nach ihrem Pariser Vorbild und der Bildhauer Jean de Cambrai gestaltete dafür einen Sarg aus Marmor, in dem Jean de Berry später bestattet wurde. Der Bildhauer starb 1438, als der Sarg noch unvollendet war. Erst der Erbe des Herzogs, Karl VII, ließ das Werk in den 1450er Jahren vervollständigen. Der Sarg wurde in die Krypta der Kathedrale verlegt, bevor die durch Brand und Sturm zerstörte Saint-Chapelle 1775 dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Vom Original erhalten geblieben ist nur der Sargbehälter mit der Liegefigur des Herzogs mit dem Bär. Die ursprüngliche Dekoration mit einer Gruppe aus 40 Trauergästen an den Seitenwänden wurde von die Hugenotten zerstört. Eine Nachbildung des ursprünglichen Sargs befindet sich heute im Palais Jacques-Cœur in Bourges. Die beiden Statuen an der Seite des Sargs gehörten nicht dazu.

Der Bärenkult des Jean de Berry

Bemerkenswert ist der angekettete schlafende Bär mit Maulkorb am Fuße des Herzogs.

Es wird angenommen, dass Jean de Berry während seiner Gefangenschaft in England zu Beginn des Hunderjährigen Krieg am Hof von König Edward III. eine besondere Leidenschaft für Bären entwickelte. Er lebte dort als Geisel in Begleitung anderer französischer Prinzen und wartete von seinem 20. bis 27. Lebensjahr auf die Zahlung des Lösegeldes durch seinen Vater, den französischen König Johann II. der Gute (1350-1364).

Nachdem Jean de Berry nach Frankreich zurückgekehrt war, wählte er den Bär als Motiv, um sich eine besondere persönliche Identität zu verleihen. Von da an erschien er in Skulpturen, in Möbeln und auf Wandteppichen in den Schlössern des Herzogs, in seiner Kleidung und in Schmuck, in Handschriften und Urkunden, auf seinen Siegeln und von ihm geprägten Münzen. Ab den 1400er Jahren fungierte der Bär als Krafttier des Herzogs, mit dem er sich identifizierte, insbesondere am Ende seines Lebens. Er trug ständig eine hochgekrempelte Mütze aus Bärenhaar, die er sich in den Jahren 1410-1411 in mehreren Exemplaren anfertigen ließ.

Er besaß mehrere Bären, die ihm lieb und teuer waren, zu einer Zeit, in der das Tier aus allen anderen fürstlichen Menagerien bereits lange verschwunden war. Dokumentiert sind die Namen von drei Bären: Kaplan, Martin und Valentin. Sie wurden betreut von Colin de Bleron, dem „Meister der Bären“, der fast zwanzig Jahre lang im Dienst des Bärenprinzen stand. Auf seinen Reisen wurde er stets von seinem Lieblingsbär begleitet. Schließlich folgte ihm sein Favorit bis ins Grab. Der schlafende Bär an seinem Fußende wurde vom Bildhauer nach dem Vorbild Valentins gestaltet [19].

Die Bärenverehrung des Jean de Berry war ein Anachronismus zu seiner Zeit. Im späten Mittelalter hatte der Bär unter dem Einfluss der Kirche endgültig seinen Platz als König der Tiere verloren. Sie schaffte es, ihn aus den besiedelten Gebieten und den Köpfen der Menschen zu verdrängen, machte ihn zu einem unterwürfigen Tier, das den Heiligen gehorchte und predigte ihn als Verkörperung des Teufels. Das Raubtier erschreckte nicht nur niemanden mehr, sondern wurde im Gegenteil terrorisiert und mied die Dörfer. Der heidnische Bär als König der Tiere wurde durch den christlichen Löwen ersetzt [20].

Nach jahrhundertelanger Herrschaft der Römer und anschließender Indoktrination durch die Kirche sowie einer drohenden Herrschaft der Engländer im Hundertjährigen Krieg (1337-1453), die Jean de Berry bereits als junger Mann in Gefangenschaft erleben musste, kann sein Kult und seine Identifikation mit dem Bären auch als Ausdruck eines trotzigen Widerstandes und einer Beschwörung seiner gallischer Wurzeln verstanden werden.

Sicher wird es Jean de Berry gefallen haben, dass der heilige Ursin [lateinisch: ursus; deutsch: Bär] der erste Bischof von Bourges gewesen sein soll. Wenige Jahre vor der Deportation des Herzogs nach England, wo er gezwungen war Englisch zu sprechen, erhielt er als nachgeborener Bruder, des späteren Königs Karl V. der Weise (1364-1380), die Grafschaft Berry als Abfindung von seinem Vater. Die phonetische Assoziation zwischen Berry und Bär [englisch: bear] war für den jungen Prinzen sicher ebenso unüberhörbar wie die gemeinsame altbretonische Wortwurzel „our“ [französisch: ours; deutsch: Bär] in Bourges und Bituriges [21]. Damit musste sich Jean de Berry in seiner Identifikation mit dem Bären bestärkt gefühlt haben.

Große Bärin und Kleine Bärin

Die altbretonische Wurzel „our“, abgeleitet von „*rks“, könnte eine Lautmalerei sein, die an das Knurren des Bären erinnert, bezieht sich aber auch auf die Idee des Lichts [22]. Die etymologische Verwandtschaft von Bär und Licht findet sich wieder in den Sternbildern des Kleinen Wagen (französisch: Petite Ourse; deutsch: Kleine Bärin) und Großen Wagen (französisch: Grande Ourse; deutsch: Große Bärin), die für die Menschen der Antike bedeutsam für die Auffindung des Polarsterns und damit für die Bestimmung der Himmelsrichtung Nord waren. Das Leuchten der Bären ermöglichte ihnen eine winkeltreue Navigation.

Der Bär ist ein Krafttier, das untrennbar mit der Natur von Mutter Erde verbunden ist. So wie sie im Winter ruht, zieht sich auch die Bärin in eine Höhle zurück, die Ge-bär-Mutter der Erde, um dort zu ruhen und zu gebären. Das Verhalten der Bärin wird bestimmt durch die wiederkehrenden Jahreszeiten. Der Bär stand für Kraft und Stärke, galt als König der Tiere, und wurde von den Menschen der Frühzeit in vielen Kulturen rund um den Globus angesehen als Führer, Krieger, Beschützer, Heiler und Weiser. Viele Kulturen gingen davon aus, dass die Menschen vom Bären abstammten. Sie wurden geehrt wie gefürchtet, da sie auch den wilden, unabhängigen und unberechenbaren Aspekt der Natur verkörperten.

Artemis, die Bärenkönigin

In der griechischen Kultur löste Artemis, die Zwillingsschwester des Apollon, als Göttin der Tiere, der Jagd, der Quellen, des Wassers, Fruchtbarkeit und Geburt [23] die Bärin als Göttin ab. In Abbildungen wird sie oft von Bären begleitet und ihre Dienerinnen in Athen wurden Arktoi (deutsch: Bärinnen) genannt. Die Römer übernahmen von den Griechen die Göttin Artemis und nannten sie Diana.

Während sich das Christentum in den ersten Jahrhunderten ausbreitete, huldigten die Menschen weiterhin den weiblichen Gottheiten, u.a. Isis, Astarte, Kybele, Demeter (Ceres), Aphrodite, Ischtar (Venus), Urania und Artemis (Diana). Das Urchristentum beschränkte dagegen die Anbetung auf die männliche Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der heilige Paulus (ca. 10-60) geißelte die Verehrung weiblicher Gottheiten als Götzendienst. Während er sich in Ephesos (52-55) aufhielt und dort eine Schule leitete, zog er sich deswegen den Zorn der Einwohner zu. Die Stadt war ein bedeutender Wallfahrtsort der Artemis. Die Silberschmiede, die vom Geschäft mit Devotionalien – kleinen Tempeln und Statuen aus Silber – lebten, zettelten einen Aufruhr an, zogen mit dem aufgebrachten, lärmenden Mob durch die Straßen und skandierten „Groß ist die Artemis der Epheser!“.

Der Druck auf die Kirchenväter wuchs mit dem Dekret Kaiser Theodosius I. vom 27. Februar 380, in dem das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erklärt und die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe gestellt wurden [24]. Insbesondere verschärfte sich der Konflikt in Kleinasien (Kybele, Artemis, Diana) und Ägypten (Iris), wo antike Göttinnen immer noch ein wesentlicher Bestandteil der Kulturen war. In Kleinasien begann sich eine Marienverehrung auszubreiten, da die Menschen in Maria, Christus Mutter, eine christliche Göttin sahen, und in Ephesos gab es bereits eine Kirche, die ihr geweiht war. Die Gläubigen wollten von den Kirchenführern endlich wissen, ob Maria ein Mensch oder eine Göttin ist.

Maria war in Begleitung des Apostels und Evangelisten Johannes aus Jerusalem nach Ephesos geflohen und hatte dort von etwa 40 bis 50 gelebt, möglicherweise im sogenannten Haus der Mutter Maria. Vielleicht ist sie sogar dort gestorben und in der Nähe begraben. Ephesos war in jener Zeit ein bedeutendes geistliches Zentrum für zahlreiche Religionen. Um Johannes bildete sich dort eine der ersten christlichen Gemeinden. Sein Evangelium soll er dort und seine Offenbarung im hohen Alter auf der nahegelegenen Insel Patmos verfasst haben.

Maria, die Gottesge-bär-erin

Anfang des 5. Jh. hatten sich in der Kirche zwei widersprechende Positionen herausgebildet. Die Katechetenschule von Alexandrien (heute: Alexandria) betrachtete Maria als „Gottesgebärerin“. Dagegen war Maria für die Schule von Antiochia (heute: Antakya) lediglich „Christusgebärerin“, die ihn als Mensch geboren hatte. Erst mit seiner Taufe im Alter von 30 Jahren wäre das Wort Gottes in ihm Fleisch geworden.

Im Jahr 431 fand das Dritte Ökumenische Konzil statt, das auf Drängen der „Gottesgebärer“ von Kaiser Theodosius II. in der Marienkirche in Ephesos einberufen wurde. Die „Christusgebärer“ reisten aus Angst vor den Einwohnern erst gar nicht an oder kamen zu spät. Und so wurde Maria zur „Gottesgebärerin“ und damit zur Mutter Gottes erklärt. Die Nachfahren des Mobs aus dem 1. Jh. hatten in großer Spannung vor der Kirche ausgeharrt. Als das Ergebnis öffentlich verkündet wurde, brachen sie in Begeisterung aus und begleiteten die Bischöfe bei Fackelschein und mit Blumenkränzen geschmückt zurück in ihre Herbergen. Nach dem Konzil gab es zwar noch ein Hin und Her, um die Entscheidung zu revidieren, aber am Ende blieb es dabei [25].

Mit dem Konzil von Ephesos tritt Maria die Nachfolge von Artemis und allen anderen zuvor verehrten weiblichen Gottheiten im römischen Reich an, die aus der Bärin und der Großen Muttergöttin, Mutter Erde, hervorgegangen waren. In zahlreichen bildlichen Darstellungen von Maria findet man Attribute, die sie von ihren Vorgängerinnen geerbt hat: den blauen und sternenbesäten Mantel der Aphrodite, Urania und Demeter, der sie umhüllt wie die blaue Atmosphäre die Erde, die Ähre der Demeter, die Taube der Ischtar und das Thronen auf einer Erdkugel und Mondsichel von Artemis und Diana. Maria erbte von Isis und Artemis die Jungfräulichkeit und von Isis ihre sitzende Haltung mit Kind.

Die wilde, unabhängige und unberechenbare Natur von Mutter Erde wurde von der Kirche unterdrückt und verleugnet. Stattdessen predigte sie: „Macht euch die Erde untertan!“ (Genesis – Kapitel 1 – Vers 28). Die dunkle Seite von Mutter Erde, ihre unkontrollierbare Natur, ist bei Maria lediglich sichtbar geblieben in den Schwarzen Madonnen, eine Darstellung, die sie ebenfalls von Isis und Artemis geerbt hat (siehe auch: Mont-Saint-Michel). Umso weiter die Ausbeutung des Planeten durch die Menschheit voranschreitet, umso mehr zeigt sich die dunkle Seite der Natur von Mutter Erde.

Notre-Dame de Bourges

Nach einer gründlichen Besichtigung der Kathedrale von Bourges, einem anschließenden Studium ihrer Baugeschichte und einer Betrachtung des politischen, kirchlichen und religiösen Hintergrundes ihrer Entstehungszeit, stellt sich die Frage, warum sie nicht Notre-Dame, sondern Saint-Étienne geweiht wurde.

Man könnte als erstes einwenden, dass es bereits eine Kirche Notre-Dame in Bourges gab. Jedoch stammt jene Kirche aus dem 15. Jh. und war bis 1803 Saint-Pierre-le-Marché [deutsch: Sankt Peter am Markt] geweiht. Allerdings gab es in Bourges eine Kirche Notre-Dame-de-Sales aus dem 7. Jh., die ursprünglich zu einem Nonnenkloster gehörte. 1012 wurden die Gebäude von Erzbischof Dagbert (987–1013) übernommen. Die Kirche konnte danach kein Grund mehr gewesen sein, die neue Kathedrale nicht Notre-Dame zu widmen.

Um sich einer Antwort der Ausgangsfrage zu nähern, werden zunächst die Darstellungen von Saint-Étienne und Maria in der Kathedrale analysiert und verglichen.

Saint-Étienne in der Kathedrale

Saint-Étienne ist in einer markanten Position der Kathedrale lediglich in der Westfassade, im Tympanon des Portal rechts vom Hauptportal, mit Szenen seiner Lebensgeschichte vertreten. Man findet sie wiederholt im Buntglasfenster der Seitenkapelle La Bonne Mort und im mittleren Buntglasfenster der Strahlenkapelle Sainte-Catherine. Sie sind jeweils benachbart von Szenen der Leidensgeschichte des Saint-Laurent, der wie Étienne gesteinigt wurde. Im Chorumgang gibt es ein Fenster, das ihn allein, lebensgroß darstellt [38]. Weitere Fenster erzählen die Geschichte seiner Reliquien, im nördlichen Chorumgang ihre Entdeckung und im Portal des Saint-Ursin ihre Überführung nach Bourges.

Die Darstellungen des Saint-Étienne, seiner Lebens- und Reliquiengeschichte, unterscheiden sich nicht sonderlich von denen anderer Heiliger und Märtyrer. Mit Ausnahme seines Portal in der Westfassade nehmen sie keinen baulich bedeutsamen Platz ein.

Maria – Achse der Kirche

Maria nimmt dagegen mit ihren Darstellungen markante zentrale Positionen auf den baulichen Achsen der Kathedrale ein, da sie als Gottesgebärerin sinnbildlich die Achse der Kirche ist. Als Mittlerin zwischen Altem und Neuen Testament repräsentiert sie mit der Geburt ihres Sohnes den Wendepunkt der Zeit vor und nach Christus. In den zentralen Buntglasfenstern jeder Ebene des Chores erscheint Maria als Bindeglied zwischen den Fenstern der Nord- und Südseite, zwischen Altem und Neuem Testament, als Wendepunkt der Dunkelheit ins Licht.

Maria in der Nord-Süd-Achse der Kathedrale

In der Nord-Süd-Achse der Kathedrale wird Maria im Tympanon des Nordportals in majestätischer Gestalt auf einem Thron mit dem Christuskind auf ihrem Schoß dargestellt. Sie sind umgeben von Szenen des Alten Testamentes. Maria ist der Ausgangspunkt des Leben Christi. Von Norden steigt er wie die Sonne nach Süden auf, bis er am Ende der Nord-Süd-Achse im Tympanon des Südportals in Majestät thront, wo er von den Symbolen der Evangelisten des Neuen Testamentes umgeben ist, die sein Leben bezeugen.

Die Portale der Nord-Süd-Achse wurden übernommen von der romanischen Vorgängerkirche.

Maria in der Ost-West-Achse der Kathedrale

Im Chor, dem östlichen Ende der Ost-West-Achse, befindet sich die zentrale Radialkapelle Notre Dame La Blanche, deren Buntglasfenster Szenen Marias rund um die Geburt Christi thematisieren.

In der Westfassade, dem westlichen Ende der Ost-West-Achse, zeigt das Tympanon des Marienportals Marias Himmelfahrt und ihre Krönung durch Christus, während beide Seite an Seite auf einem Thron sitzen.

Die Ausrichtung der Achsen in der Kathedrale auf Maria legt die Hypothese nahe, dass die Kirche ursprünglich ihr geweiht werden sollte. Diese Vermutung wird insbesondere gestützt durch das Zentrale Buntglasfenster in der Ost-West-Achse über der zentralen Radialkapelle in der dritten Ebene des Chors. Es stellt dar, wie Etienne „seine“ Kirche an Maria übergibt. Das Motiv der Kirchenübergabe durch Étienne findet man wieder im Marienportal (rot eingekreist im nachfolgenden Bild).

Zu erkennen ist das Detail, wenn man die nachfolgende Fotografie des Marienportals vergrößert oder als Vollbild betrachtet:

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Das Kirchenmodell aus Stein, das Saint-Étienne ebenso auf seinem rechten Arm hält, entspricht in seiner Vereinfachung der Darstellung im Buntglasfenster. Lediglich das Kreuz auf der Turmspitze ist abgebrochen. Jedoch stammt die Steinmetzarbeit aus dem 16. Jh. und ist das Ergebnis der Restaurierung des Marienportals, dessen linker Rand durch den Einsturz des Nordturms beschädigt wurde [35].

Notre-Dame-et-Saint-Étienne

Die Nebeneinanderstellung von Maria und Étienne im zentralen Chorfenster der oberen Ebene wiederholt sich auf der Ost-West-Achse in den zentralen Portalen der Westfassade. In den Szenen ihren Tympana werden beide den Himmel aufgenommen und dort gekrönt. Könnte diese Gemeinsamkeit auch ein Ausdruck dafür sein, dass die Domherren 1250 mit der Fertigstellung der Westfassade vorhatten, die Kathedrale nicht nur Notre-Dame, sondern auch Saint-Étienne zu weihen?

Bernhard von Clairvaux und die Zisterzienser

Betrachtet man jedoch weiter den politischen, kirchlichen und religiösen Hintergrund der Entstehungszeit der Kathedrale, so gibt es weitere Anhaltspunkte, die nahelegen, dass sie ursprünglich als eine Notre-Dame geplant war.

Die Kathedralen von Paris, Chartres und Amiens, die im gleichen Zeitraum wie die Kathedrale von Bourges entstanden, wurden nicht ohne Grund Maria geweiht und erhielten den Namen „Notre-Dame“ [deutsch: unsere (liebe) Frau]. Der Begriff stammt von Bernhard von Clairvaux (1090-1153), dem geistigen Vater und Fürsprecher des Templerordens (1118-1312) [26], der bereits 1174 heilig gesprochen wurde. Als „Doctor marianus“ galt er als einer der großen Mariologen des Mittelalters. Er prägte auch die Ordensregeln und die Marienverehrung der Templer, die ihr Leben Maria weihten [27].

Die Erzbischöfe von Bourges aus der ersten Bauphase der Kathedrale, Henri de Sully und Guillaume de Donjean, wie auch Eudes de Sully, der Bruder von Henri und Erzbischof von Paris zu jener Zeit, gehörten alle drei dem Zisterzienserorden an. Bernhard von Clairvaux, gilt als einer der bedeutendsten Mönche jenes Ordens und war Abt des Kloster Clairvaux, das er 1115 gründete. Man kann davon ausgehen, dass seine Lehre der Marienverehrung auch die drei Erzbischöfe beeinflusst hat. Heute noch wird Maria von den Zisterziensern als „Mutter des Ordens“ bezeichnet und fast alle Klosterkirchen der Gemeinschaft sind ihr geweiht [33].

Der Templerorden

Der Militärorden der Templer sicherte Handelswege und Geldverkehr, unterrichtete Bauern und Handwerker. Er verfügte über ein eigenes Banksystem, eigene Ländereien und Werkstätten, aus denen er seine Gewinne erzielte. Durch eine päpstlichen Anordnung war er nicht nur von der Steuer befreit, sondern durfte selbst Steuern erheben und Geld gegen Zinsen verleihen. Mit seinen Kreditbriefen revolutionierte er den internationalen Geldtransfer. Jedermann konnte in einer beliebigen Ordensniederlassung einen Kreditbrief erwerben und ihn in einer anderen Filiale wieder einlösen. Für Reisende hatte das den unschätzbaren Vorteil, dass sie ihr Geld auf einer Reise nicht mit sich tragen mussten in der ständigen Gefahr, beraubt zu werden. Der Orden entwickelte sich auf diese Weise zu einem Staat im Staate und wurde für die Könige nahezu unantastbar.

Der Templerorden schützte auch die Erbauer der Kirchen und Kathedralen, ihre Architekten, Baumeister und Handwerker. Ob er in der Epoche der Hochgotik den Bau großer Kathedralen auch finanziell unterstützte, wird zwar häufig angenommen, konnte aber bisher nicht belegt werden. Jedenfalls wurden allein in Frankreich in den zweihundert Jahren, in denen der Orden existierte, mehr als zweihundert Kirchen gebaut, romanische wie gotische, unter ihnen auch einige der größten Kathedralen wie jene in Bourges [28].

Das Geschäft mit den Pilgern

Warum wurde die Kathedrale von Bourges dennoch Saint-Étienne geweiht? It’s the economy, stupid! Wie die Baugeschichte zeigt, mangelte es in Bourges immer wieder an Geld, um den Bau fortzusetzen oder zu erhalten. Deshalb bemühte sich Giraud de Gros während seiner Zeit als Erzbischof in Bourges (1209-1218) erfolgreich um die Heiligsprechung seines Vorgängers Guillaume de Donjean sowie um weitere Reliquien des Saint-Étienne und machte die Kathedrale dadurch attraktiv für spendenfreudige Pilger des Jakobsweg.

Dem Heiligen Saint-Guillaume ein eigenes Portal in der Westfassade einzuräumen, hätte frühestens 1218 entschieden werden können, denn davor war er noch nicht heilig gesprochen. Da mit dem Bau des Langhauses erst 1225 begonnen wurde, kann die gesamte Westfassade erst zwischen 1209 und 1225 entworfen worden sein oder man änderte einen bereits vorliegenden Entwurf. Die Fertigstellung des Langhauses, seiner Türme und Westfassade erfolgt größtenteils unter Aufsicht von Erzbischof Philippe Berruyer (1232–1260). Sein heiliggesprochener Onkel Guillaume verdankt wahrscheinlich ihm sein Portal. Phillipe Berruyer hätte sich in jener Phase dazu entschließen können, die Kathedrale Maria und Saint-Étienne zu widmen. Das könnte auch erklären, warum das Portal links vom Hauptportal für Maria und rechts davon für Étienne vergeben wurde.

Im Unterschied zu Bourges verfügt die Notre-Dame de Paris, wie andere Kathedralen jener Zeit, nur über drei Portale in der Westfassade: in der Mitte das Portal des Jüngsten Gerichts, links davon das Marienportal und rechts das Portal der Saint-Anne, der Mutter Marias. Die Entscheidung für ein Portal des Saint-Guillaume machte aus Symmetriegründen ein fünftes Portal nötig, das schließlich Saint-Ursin zugeteilt wurde. Mit den drei Portalen für Ursin, Étienne und Guillaume, die den Reliquienschatz der Kathedrale repräsentierten, wird die Ausrichtung der Kathedrale auf Pilger deutlich, die vom Ausgangspunkt des französischen Jakobswegs Via Lemovicensis in Vézelay nach Bourges gelockt werden sollten. Nicht ohne Grund gibt es heute eine nördliche Variante des Weges über Bourges und eine wahrscheinlich ältere südliche über das konkurrierende Nevers.

Mit seiner Basilika Saint-Étienne , profitierte Nevers bereits während der Blütezeit des Jakobsweges (11.-12. Jh.) vom Strom der Pilger. Ihr Andrang auf die Vorgängerkirche Saint-Columban, die zu einem Kloster gehörte, war so groß, dass man sich für einen vergrößerten Neubau entschied, da viele Pilger in der Kirche übernachteten. Er wurde wesentlich durch ihre Spenden finanziert und 1097 nach einer Bauzeit von nur 27 Jahren dem Heiligen Saint-Étienne geweiht. In gleicher Weise partizipierte auch die Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte in Nevers vom Jakobsweg. Etwa zeitgleich mit dem Bau des Langhauses in Bourges entstand in der ersten Hälfte des 13. Jh. der mittlere Abschnitt der heutigen Kathedrale in Nevers, ein breites hochgotische Langhaus. Die Domherren in Bourges waren sicher über den Baufortschritt in dem nur 70 km entfernten Nevers auf dem Laufenden.

Das Ende der Templer

Als der Südturm einzustürzen drohte, ermöglichte 1313 eine Schenkung Königs Philipp IV. des Schönen an Erzbischof Aegidius Romanus (1295–1316) den Bau des Stützpfeilers. Phillip der Schöne hatte ein Jahr zuvor den Templerorden zerschlagen, um sich mit dessen Vermögen zu bereichern, und Aegidius Romanus unterstütze ihn dabei im Prozess gegen die Templer. Danach wäre es für Aegidius nicht mehr opportun gewesen, die Kathedrale in Bourges Notre-Dame zu weihen. Für die Domherren hatten wahrscheinlich ökonomische Gründe dazu geführt, die Notre-Dame in Bourges aufzugeben.

Quellenverzeichnis

[1] Bildquelle: Jean Arnoullet: Pourtraict de la ville de Bourges. La ville de Bourges, des Gaules la cité première. 1566. Bibliotheque Nationale de France Gallica

[2] vgl. Jan Ralston: Fragile States in Mid-First Millennium BC Temperate Western Europe? The View from Bourges.  in: Social Evolution & History. Volume 9, Number 2, September 2010

[3] vgl. Wikipédia L’encyclopédie libre: Biturges Cubes

[4] Bildkomposition: Rolf Krane, unter Verwendung einer Zeichnung aus: Shahan Daro: Gault Revolts, Part II – The Siege of Avaricum, 52 B.C. tldr History, 18. September 2019

[5] vgl. Denis Jeanson: Le Rempart Gallo Romain de Bourges. in: L’Encyclopedie de Bourges

[6] vgl. La vie de saint Ursin (1-3) in: Bourges, Cathédrale Saint-Étienne 1/3.  Patrimoine Histoire Français – Églises de Bourges

[7] vgl. Jean-Yves Ribault: La Cathédrale Saint-Etienne de Bourges. Éditions Quest France, Februar 2016

[8] Bildkomposition: Rolf Krane, unter Verwendung von Daten aus Wikipedia

[9] vgl. Uwe A. Oster (Hrsg.): Die großen Kathedralen. Primus Verlag, Darmstadt 2010, S. 35

[10] Bildkomposition: Rolf Krane, unter Verwendung von: Grundriss der Kathedrale von Bourges aus: Kathedrale von Bourges und Nord Indikator aus:  publicdomainvectors.org

[11] Bildkomposition: Rolf Krane, unter Verwendung einer Zeichnung von: Nicolas de Fer: Plan de la ville et des faubourgs de Bourges. 1703. Bibliotheque Nationale de France Gallica

[12] vgl. Philippe Bardelot: Les Reliques de la Cathedrale de Bourges. Entwurf in: L’Encyclopedie de Bourges

[13] Bildquelle aus: Bourges, Cathédrale Saint-Étienne 1/3.  Patrimoine Histoire Français – Églises de Bourges

[14] vgl. Uwe A. Oster, 2010, S. 38

[15] vgl. Cathédrale de Bourges, histoire et photos du Berry in: Vivedi.com

[16] vgl. Datum in Vitral der Kapelle de Breuil. Aus Bourges Kathedrale Buntglas 1891. iStock by Getty Images

[17] vgl. Leonhard und Rose Lahrmann: St. Stephanus. Wissenswertes und Meditiertes über den ersten Märtyrer der Kirche. LIT Verlag, Münster 2002. S. 114ff

[18] vgl. Gerhard Ucka: Hatte der hl. Stephanus drei Arme? – Zur Verehrung des Heiligen in Rom. Circolo Carliano, 31. Dezember 2012

[19] vgl. Mathieu Léane: La Symbolique De L’Óurs Dans Le Moyen Âge Occidental, Lyon 2019, S.126ff

[20] vgl. Katrin Tösch: Heidnischer Bär versus Christlicher Löwe, Graz 2017

[21] vgl. Michel Barbot : Deux Fontaines pour un Roy. in: La Grande Affaire, Mai 2017

[22] vgl. Mathieu Léane, Lyon 2019, S. 44f

[23] vgl. Zitatensammlung Teil 3: Lexikon – Artemis in: Internet-Auftritt der Werkstatt für GeistesWissenschaft

[24] vgl. Matthias von Hellfeld: Christentum wird zur Staatsreligion im Römischen Reich – 27. Februar 380. in: Deutsche Welle, 17.12.2008

[25] vgl.: Theodora Jenny-Kappers: Muttergöttin und Gottesmutter in Ephesos, Daimon Verlag, Einsiedeln 1986. S. 151ff

[26] vgl. Louis Charpentier: Macht und Geheimnis der Templer. Walter Verlag, Olten 1986. S. 48

[27] vgl. ebd. S. 48

[28] vgl. ebd. S. 69

[29] Bildquelle: Wikimedia Commons – Dipper constellations , Modifikation: Rolf Krane

[30] Bildquelle: Wikimedia Commons, Standort: The MET New York

[31] Bildquelle: Wikimedia Commons, Standort: Museo Archeologico Nazionale di Napoli

[32] Bildquelle: Wikimedia Commons, Standort: Bielefelder Jodukuskirche

[33] vgl.: Johanna Risse: Maria und die Zisterzienser. in: Augenblick mal! Kirche in den NRW-Lokalradios, 8. Dezember 2017

[33] zitiert nach: Jean-Yves Ribault: Un Chef-d’œuvre Gothique. La Cathédrale de Bourges. Edition Anthèse, Arcueil Cedex 1995. S. 24. Übersetzung: Rolf Krane

[34] Bildquelle aus: Wikimedia Commons: File:Bourges – cathédrale Saint-Étienne, flanc nord, 2017

[35] vgl. Jean-Yves Ribault [1995], S. 130

[36] siehe: Jean-Yves Ribault [1995]. Abbildung: Contre-sceau du chapitre de la cathédrale, S. 48

[37] vgl.: Jean-Yves Ribault [1995], S. 51

[38] siehe: Jean-Yves Ribault [1995], S. 169