Le Vieux Mans

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Einen ersten Erkundungsgang durch die Altstadt Le Mans startet man am besten von der Kathedrale Saint-Julien an der Treppe des Fontaine du Jet d’Eau. Rechts davon befindet sich eine verschlossene Tür zu den Ausgrabungen im Garten der Kathedrale. Dort konnten die Fundamente eines Stadtmauer-Turmes freigelegt werden, in dem der Erzengel Michael verehrt wurde: der Turm Saint-Michel. Durch das Grabungsgelände werden Führungen in französischer Sprache „auf den Spuren der Archäologen“ angeboten, auf denen man u.a. diese Turmruine besichtigen kann. Reservierung werden angenommen im Maison du Pilier Rouge, dem Tourismusbüro des Kulturerbes von Le Mans.

Über die Treppe des Brunnens gelangt man auf die Ebene der Kathedrale, geht etwa 50 Meter weiter und landet schließlich auf dem Place Saint-Michel.

Der gepflasterte Platz ist auf allen Seiten von Gebäuden umgeben und grenzt unmittelbar an die Kathedrale und ihr südwestliches Portal, das durch eine Veranda geschützt ist. Es wird auch das Königliche Portal genannt, wurde Mitte des 12. Jahrhunderts nach seinem Vorbild in Chartres erbaut und ist heute wie damals der Haupteingang der Kathedrale.

Schon zur Zeit der Römer war der Platz Mittelpunkt der Stadt und blieb es bis zum Mittelalter. Wann und warum wurde er nach dem heiligen Michael benannt?

Beim Rundgang um den Platz entdeckt man an der südlichen Ecke der Nordwestfassade der Kathedrale einen gewaltigen Menhir (370 cm hoch, 120 cm breit und 50 cm dick) aus rosa Sandstein dessen Falten im Eozän vor etwa 50 Millionen Jahren entstanden sind. Nach der Überlieferung hat er das Aussehen einer Frau, die in ein Tuch gehüllt ist. Es handelt sich um den Pierre Saint-Julian, der viele weitere Namen hat: Heidenstein, Blutstein oder Milchstein. In seiner Mitte befindet sich ein Loch, in das Frauen, die schwanger werden möchten, ihren Zeigefinger stecken. Die vielen Reibungen haben der Öffnung im Laufe der Jahrhunderte Glattheit und Glanz verliehen.

1778 soll der Stein als Überrest aus der Zerstörung des „Dolmens de la Pierre au Lait“ dort aufgestellt worden sein. Vermutlich wurde der ursprüngliche Steintisch zwischen 4000 und 5000 v. Chr. auf der Kuppe des Hügels errichtet. Saint-Julien, der erste Bischof von Le Mans (301-348), soll das heidnische Denkmal vor der Zerstörung bewahrt und es mit einem Kreuz gekrönt und christianisiert haben. Einzig der heutige Menhir blieb davon übrig und ist somit das älteste Bauzeugnis der Geschichte von Le Mans als uralte Kultstätte. Der rote Farbton des Menhirs und die mit ihm verbundene Fruchtbarkeitslegende deuten darauf hin, dass er ein Symbol des roten Aspektes der Erdgöttin gewesen sein könnte und dass sich auf der Kuppe des Hügels die Kultstätte einer Erdgöttin befunden haben könnte.

Man verlässt den Place Saint-Michel an der nördlichen Seite über die Escalier des Pans-de-Goron, die zum Fuß der 22 Meter tiefer liegenden alten Stadtmauer führt. Unten angekommen, geht man weiter Richtung Süden an der Westseite der alten Stadtmauer entlang. Sie verläuft mit etwas Abstand parallel zur Sarthe, in die zwei Kilometer flussabwärts die Huisne fließt. Der Hügel zwischen den beiden Flüssen wurde aufgrund seiner geschützten Lage bereits vor über 10.000 Jahren in der Jungsteinzeit besiedelt. Die gallische Stadt Vindunum (von keltisch vindo-weiß), die sich dort entwickelte, war die Hauptstadt der Cenomanen. Sie wurde 56 v. Chr. von den Römern erobert und erhielt von ihnen den Namen Civitas Cenomanum (die Stadt der Cenomanen), aus dem später Celmans, Cel Mans und schließlich Le Mans wurde (vgl. Wikiwand.com).

Eindrucksvoll hebt sich der Rundturm Madeleine von der Stadtmauer ab, der nach dem Stadtteil auf der gegenüberliegenden Flussseite benannt wurde und zu den Wahrzeichen von Le Mans zählt.

Die gallo-römische Stadtmauer von Le Mans wurde zwischen 280 und 310 erbaut und ist heute die am besten erhaltene im gesamten Römischen Reich jener Zeit. Das gilt insbesondere für den westlichen Abschnitt entlang der Sarthe, die ihn vielleicht als natürliche Grenze vor Zerstörungen bewahren konnte. Die ursprüngliche Stadtmauer umfasste eine Fläche von neun Hektar und ist etwa 450 Meter lang und 200 Meter breit. Das gesamte Stadtgebiet zur Zeit der Römer war jedoch 100 mal so groß. Es gab ein großes Amphitheater, wo sich heute der Place des Jacobins befindet. Darauf deuten heute noch alte Straßennamen hin, wie z.B. Rue du Cirque, Rue des Gladiateurs.

Am späten Nachmittag verstärkt sich durch das Licht der tiefstehenden Sonne die rötliche Färbung des Mauerwerks, die der Stadt Le Mans auch den Beinamen „Rote Stadt“ verliehen hatte. Die rote Färbung des Gesteins ist ein Hinweis auf seinen hohen Eisengehalt. Rund um Le Mans gab es bedeutende Eisenerzvorkommen, an denen die Römer insbesondere interessiert waren. Außerdem war die Stadt schon vor der Ankunft der Römer ein bedeutender Handelsplatz. Sie liegt nicht nur an zwei Wasserstraßen, den Flüssen Sarthe und Huisne. Dort kreuzten sich auch viele wichtige Handelstrassen über Land.

Aufgrund der Eisenerzvorkommen konnte sich in Le Mans im 19. Jahrhundert eine metallverarbeitende Industrie entwickeln, die Eisenbahnen, Autos und landwirtschaftliche Maschinen herstellte. Renault ist heute der größte Arbeitgeber von Le Mans. Und so kann man verstehen, warum das 24-Stunden-Rennen die Stadt international berühmt gemacht hat.

Die Verkleidungen der Türme und Mauern sind eindrucksvoll verziert mit Mustern aus Schrägen, Fischgräten, Diamanten, Kreisen und Sanduhren, die aus hellen und dunklen Bruchsteinen, roten Ziegelsteinen und weißen Sandsteinen gemauert sind. Die acht Meter hohe Mauer besitzt überraschenderweise kein Fundament und ihr Kern besteht lediglich aus gemörteltem Schutt. Vielleicht war die Fassade gerade deshalb so kunstvoll gestaltet worden, um über diese Schwäche hinweg zu täuschen.

Man geht heute davon aus, dass die Stadtmauer in Eile gebaut worden ist. Man löste die großen und robusten hellen Sandsteine mit den kunstvoll gemeißelten Mustern aus den Mauern des Amphitheaters und verwendete sie als Grundsteine für die Stadtmauer. Die Prioritäten der Römer hatten sich offenbar geändert. Die Befestigung der Altstadt war wichtiger geworden als Brot und Spiele. Im dritten Jahrhundert hatte eine Migration und Vereinigung von einheimischen Stämmen eingesetzt, die damit begonnen hatten, römische Ansiedlungen zurückzuerobern. Die germanischen Krieger waren nicht mehr länger bereit, als Söldner für die Römer zu kämpfen. Sie wollten selbst an die Macht und an dem von ihnen mit geschaffenem Wohlstand teilhaben.

Südlich des 150 Meter langen Mauerabschnitts überbrückt die „Pont Yssoir“ die Sarthe und geht direkt über in die Rue Wilbur Wright, die den Altstadt-Hügel in zwei Teile zerschneidet. Der Hohlweg wurde zwischen 1873 und 1877 durch den Berg gegraben, um den östlichen mit dem westlichen Stadtteil von Le Mans direkt zu verbinden. Obwohl es sich um einen Graben handelt, wird er Tunnel genannt. Er verbindet die Brücke auf direktem Weg mit dem Place des Jacobins im heutigen Zentrum der Stadt. Zu beiden Seiten des Tunnels befinden sich Treppen, über die man von der Unter- in die Oberstadt gelangt.

Erstmals an Christi Himmelfahrt 2018 fand über die 143 Stufen der Tunneltreppen ein Wettrennen statt, La Montée de l’Ascension. In paarweisen Ausscheidungen mussten die 14 Teilnehmer (darunter zwei Frauen) gegeneinander antreten und kamen nur weiter, wenn sie gewonnen hatten. Der Sieger Acindyne Houinato brauchte nur 18,4 Sekunden für seinen schnellsten Gipfelsturm.

Vom oberen Ende der Tunneltreppe gelangt man auf einen kleinen Platz, an dem ein mittelalterliches Haus mit rot gefärbten Fachwerk steht, das an der Hausecke von einem rosa Pfeiler abgestützt wird. Es ist das Maison du Pilier Rouge, das Tourismusbüro des Kulturerbes von Le Mans, und liegt an der Grande Rue, die mit zahlreichen Restaurants, Cafés und Läden längs durch die Altstadt, die Cité Plantagenêt, verläuft. Ihre Verlängerung nach Nordosten führt über den „Place Saint-Michel“ in einer Achse zum Königlichen Portal der Kathedrale, wo die großen Prozessionen in der Vergangenheit ihren Ausgang nahmen. Folgt man der „Grande Rue“ weiter in südwestlicher Richtung, ist es wie ein Gang durchs Mittelalter und so wundert es nicht, wenn die Altstadt von Le Mans schon oft als Drehort für Historienfilme gewählt wurde, wie z.B. für den Film Cyrano de Bergerac (1990) mit Gérard Depardieu, der darin seine Glanzrolle spielte.

Wird man denn durch einen Kuss zum Diebe? Er ist ein trauliches Gelübde nur, ein zart Bekenntnis, ein gehauchter Schwur. Ein Rosenpünktchen auf dem i der Liebe, ein Wunsch, dem Mund gebeichtet, statt dem Ohr. Ein liebliches Geräusch wie Bienensummen, ein Traum der Ewigkeit, ein duftiges Verstummen, die Seele schwebt zum Lippenrand empor und gibt sich als ein süßes Naschwerk hin.

Der Kuss – aus: Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand

Folgt man dem Straßenverlauf der Grande Rue weiter, dann erreicht man schließlich das südwestlichen Ende der Altstadt mit seinen zahlreichen Kneipen, Cafés und Restaurants: