Der Turm Saint-Michel

Der Eingang zum Grabungsgelände vor Kathedrale befindet sich rechts neben der Fontäne mit ihren Treppenaufgängen. Von dort starten die archäologischen Führungen im ehemaligen Garten der Kathedrale.

Da sich die Stadt mit ihrer sehr gut erhaltenen gallo-römischen Stadtmauer um die Aufnahme in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes bemüht, hatte sie das Gelände um den Chor der Kathedrale für Ausgrabungen freigegeben. Man erhoffte dadurch mehr über die ursprüngliche Bauweise der Mauer zu erfahren. Außerdem gab es Hinweise auf ältere Bauten, die in diesem Bereich verschüttet worden waren.

Die Ausgrabungen in dem 2500 Quadratmeter großem Gelände werden seit 2014 durch das Inrap, das nationale Institut für präventive archäologische Forschung, durchgeführt. Die Ergebnisse wurden mit neuesten Technologien, wie z.B. Laserscanning und Photogrammetrie, erfasst, in digitalen Modellen dokumentiert und mit Methoden der Anastilosis rekonstruiert.

Um die römische Stadtmauer freizulegen, musste man zunächst eine Schicht von bis zu sechs Metern Erdreich und Schutt vorsichtig abtragen und durchsuchen, bevor Bagger das Füllmaterial zur Seite räumen konnten. Man fand Münzen, Keramik und sogar Latrinen mit Überresten von Samen, Kernen, wie z.B. von Pflaumen und Kirschen, sowie Fischgräten, woraus man auf die Ernährung in der damaligen Zeit schließen konnte.

Solange die ausgegrabenen Mauerwerke nicht ausreichend restauriert sind, werden sie durch Holzbalken abgestützt und durch Planen vor Regen geschützt.

Die freigelegte römische Stadtmauer reicht bis an die Kathedrale. Sie weist die gleichen Muster auf wie der westliche Abschnitt der Stadtmauer am Ufer der Sarthe. Diese Entdeckung war von großer Bedeutung für die Aufnahme ins Weltkulturerbe, da die Echtheit der Mauer-Verzierungen wegen einer Restaurierung im 19. Jh. in Frage gestellt worden waren. Die Archäologen konnten jedoch damit bestätigen, dass diese einzigartigen Ornamente aus der Zeit der Römer stammten.

Die Kathedrale ist im Laufe der Jahrhunderte immer mehr erweitert worden. Bis zum Ende des 12. Jahrhundert befand sie sich noch vollständig innerhalb der römischen Stadtmauer. Anfang des 13. Jahrhunderts reichte der Platz für den Neubau des gotischen Chores nicht mehr aus. Man baute über die alte Stadtmauer hinaus, nachdem man dafür die Genehmigung des französischen Königs Philippe-Auguste (1165-1223) eingeholt hatte und umgab den Chor mit einer neuen Einfriedung.

Bei den Ausgrabungen wurden auch die Überreste eines Turmes der Stadtmauer freigelegt, den man als Turm Saint-Michel identifizieren konnte. Er schließt unmittelbar an den rechten Treppenaufgang des Springbrunnens an. Um die Turmruine vor der Witterung zu schützen, wurde sie wie die mittelalterliche Einfriedung mit einer Plastikplane abgedeckt. Ein Blick darunter enthüllt wenig Spektakuläres.

Die Öffnung unter dem Sturz diente als Halterung für einen Balken. Das lässt auf einen Zwischenboden aus Holz an dieser Stelle schließen. Die Archäologen gehen davon aus, dass es einen Gebetsraum im Turm gegeben hat, der dem Saint-Michel geweiht war. Jedoch außer ein paar Scherben haben sie nicht mehr darin gefunden. Bemerkenswert an dem Turm ist sein sechseckiger Grundriss, denn die meisten der erhaltenen und ausgegrabenen Türme sind rund. Man vermutet, dass die eckigen Türme an den Seiten der Stadttore standen. Die 2014 begonnenen Ausgrabungen dauern bis heute an, wie die folgenden Bilder zeigen:

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13. April 2018 – Quelle: Le Petit Courrier
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26. November 2019 – Quelle: Ouest France

Eine Spezialfirma begann Ende 2019 damit, die Umgebungsmauer entlang der Treppe des Springbrunnens aus dem Jahr 1854 abzubauen und die Steine zu nummerieren, falls die Entscheidung getroffen werden sollte, sie wieder aufzubauen. Damit erhalten die Archäologen des Inrap einen freien Blick auf den Turm Saint-Michel und hoffen, so seine Bauweise aus dem 3. Jahrhundert besser zu verstehen. Sie wollen auch herausfinden, ob sich an der Stelle des Brunnens ein Stadttor mit einem weiteren Turm befunden hatte.

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15. Dezember 2020 – Quelle: Ouest France

Es gibt zwei Quellen, aus denen man schließen kann, dass der Turm dem heiligen Michael geweiht ist. Erstmals erwähnt wird er im Testament des Bischof Bertram (540-623) von Le Mans vom 27. März 616. Die deutsche Archäologin Margarete Weidemann hat es 1986 aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt und kommentiert.

In zahlreichen detaillierten Verfügungen legt Bertram darin fest, wer welche seiner Besitztümer erben soll. In der Verfügung mit der Nummer 25 ist aufgelistet, was die Basilika St. Peter und Paul in Le Mans (die heutige Kirche Notre-Dame-de-la-Couture) erhalten soll. Im Unterpunkt „e“ heißt es:

Ein Haus in Le Mans infra muros, auf der rechten Seite von St. Michael [im Mauerturm] gelegen; von Berthramn erbaut und zum Aufenthalt von Bischöfen und Klosterleuten bestimmt, die St. Michael besuchen.

aus: Testament des Bischofs Berthramn von Le Mans vom 27. März 616 (S. 53-54)

In ihrem Überblick zu Beginn des Buches (S. 23) kommentiert Weidemann ihre Übersetzung und stellt fest, dass die Verfügung „eine Vorstellung von der Bebauung zwischen der Kathedrale und der östlichen Stadtmauer [gibt]. Dort lagen neben dem Oratorium St. Michael zwei Häuser, von denen eines Berthramn erbaute und St. Peter und Paul zum Aufenthalt von Bischöfen und Gottesleuten, die in St. Michael beten, überlassen war, …“

Bestätigt wird die Existenz des Turmes Saint-Michel durch eine weitere Quelle, einen Kupferstich von Faubourg Saint Nicolas mit einer Stadtansicht von Le Mans aus dem Jahr 1770:

Der Kupferstich zeigt eindrucksvoll, wie viele religiöse Bauten es im Le Mans des 18. Jahrhunderts gab. Unter ihnen befand sich auch eine Kirche, die dem heiligen Michael geweiht war (2) und die von ihrer Lage im Bild wie heute die Kathedrale (1) am Place Saint-Michel gestanden haben muss. Damit wäre auch die Namensgebung des Platzes erklärt.

Es zeigt sich wieder einmal, dass Michael und Maria (ursprüngliche Patronin der Kathedrale) auf der Achse des Lichts in einer bestimmten Epoche zugleich verehrt wurden.

Wie man sieht, trägt der Kirchturm von Saint-Michel (2) im Kupferstich ein großes Kreuz auf seiner Spitze. Es ist offensichtlich die gleiche Kirche, die ganz oben im mittleren Fenster über dem Michaelaltar in der Kathedrale dargestellt wird. Krönte die Kirche Saint-Michel zum Zeitpunkt der Erstellung des Kirchenfensters (im 14. Jh.) auch eine (vergoldete) Michael-Statue, wie abgebildet?