Das Labyrinth von Chartres

Das Labyrinth von Chartres ist mit seinen beinahe dreizehn Metern Durchmesser nicht nur das größte, sondern auch das einzige (fast) vollständig erhaltene in einer gotischen Kathedrale aus dem Mittelalter. Es befindet sich in der Kathedrale Notre-Dame, die als Höhepunkt der französischen Gotik 1979 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Ein Gang durch das Labyrinth

Der Eingang in das Labyrinth liegt im Westen und wird durch zwei Kerzen flankiert. Auf ihn stößt man automatisch nach wenigen Metern, wenn man die Kathedrale über das Westportal betritt und geradewegs auf den Hauptaltar zugeht. Der Weg des Labyrinths ist wie der übrige Boden der Kathedrale mit hellem Berchères-Kalkstein gepflastert. Gesäumt wird er von acht Zentimeter breiten schwarz-blauen Marmoreinlässen. Die Einlegearbeiten sind sehr präzise und zeugen von einer hohen Kunstfertigkeit der Steinmetze. Der Weg vom Eingang bis in die Mitte hat eine unglaubliche Länge von 261,50 Metern, das Zwanzigfache seines Durchmessers. Die Spur ist nur 34 Zentimeter breit und lässt gerade Platz für einen einzelnen Pilger. Überholen ist nicht möglich und auch nicht erwünscht.

Nach einer Überlieferung soll das Labyrinth in früheren Zeiten auf den Knien abgerutscht worden sein. Man brauchte dafür etwa eine Stunde. Die Pilger von heute schreiten in der Regel aufrecht durch das Labyrinth. Wenn jemand sich sehr viel Zeit dafür nimmt, kann es schnell zu Staus kommen. Und so findet man auf einem Poster auch in deutscher Sprache den Hinweis: „Gehen Sie in regelmäßigem Rhythmus, ohne stehen zu bleiben und mit Rücksicht auf den Durchgang aller anderen.“

Kaum befindet man sich im Labyrinth, ist man umgeben von Menschen jeden Alters und jeder Nationalität, alle auf dem Weg in die Mitte des Labyrinthes und in ihre eigene Mitte. Die meisten gehen ganz bewusst Schritt für Schritt, setzen einen Fuß vor den anderen und spüren in sich hinein.

Immer wieder gibt es Pilger, die nach jeder der insgesamt 28 Kehren kurz stehenbleiben. Zwar entspricht dieses Verhalten nicht ganz den vorgegebenen Regeln, doch löst das Innehalten und Wenden in den Kehren etwas in einem aus. Obwohl man weiß, dass man sich weiter auf das Ziel in der Mitte zubewegt, hat man für einen Augenblick den Eindruck, als würde man sich wieder davon entfernen. Es fühlt sich genauso an wie im Leben, wenn man meint, Rückschritte zu machen. Manchmal denkt man im Kreis zu laufen oder auf der Stelle zu treten. Selbst wenn das Leben in Zyklen verläuft, so entwickelt es sich doch stetig weiter. Manchmal glaubt man fast am Ziel zu sein, aber der Weg führt einen wieder nach außen und man muss eine weitere Schleife gehen. Und so ist der Weg durch das Labyrinth ein sinnlich erfahrbares Bild des menschlichen Lebensweges.

Schließlich gelangt man ins Zentrum des Labyrinths, das von sechs Blättern wie in einer Blüte umgeben ist, und stellt sich zum Schluss auf eine freies Blatt. Die Mitte ist gestaltet als sechsblättrige Rose. In der christlichen Tradition symbolisiert sie die Hoffnung auf das Paradies und die Überwindung des Zeitlichen.

Doch nach einer Weile stellt sich unwillkürlich die Frage, auf welchem Weg man wieder aus dem Labyrinth herausgelangt. Der einzige Weg nach Außen ist der Weg, den man nach Innen gegangen ist.

Der Weg hinauf und hinab ist ein und derselbe.

Heraklit

Das Geheimnis des Labyrinths besteht darin, dass der Weg nach Innen und der Weg nach Außen derselbe ist. Man kann ihn jedoch nur allein gehen.

Im Mittelpunkt des Labyrinths fallen Stahlstifte in den Bodenfliesen auf, die in einem unregelmäßigen Muster angeordnet sind. Ursprünglich dienten sie als Verankerung für eine reliefartige Kupferplatte, die wahrscheinlich 1792 während der Französischen Revolution mit den Glocken zu Kanonen eingeschmolzen wurde. Aus alten Handschriften geht hervor, dass auf jener Kupferplatte der Kampf zwischen Theseus und Minotaurus dargestellt war.

Die Heldenreise des Theseus

Um das Christentum näher an die römische Kultur heranzuführen, wurden einige ihrer Symbole, wie das Labyrinth, übernommen und erhielten eine abgewandelte christliche Deutung. Im römischen Reich waren Labyrinthe beliebte Motive zur Gestaltung von Bodenmosaiken. Obwohl sie sich in ihrer Form und Gestaltung unterschieden, hatten sie ein gemeinsames Motiv, das im Zentrum des Labyrinth abgebildet wurde.

Es zeigt die Tötung des Minotaurus von Kreta durch den Athener Prinzen Theseus. Die Szene ist der Höhepunkt des griechischen Mythos von der Heldenreise des Theseus. Die Erzählung, über deren Autor(en) man nichts weiß, stammt aus der Zeit zwischen 800 und 500 v. Chr. Auch wenn es verschiedene Varianten davon gibt, so stimmen sie in ihrem Kern überein.

In der Vorgeschichte des Mythos bittet Minos Poseidon, er möge ihn im Erbfolgestreit um die Krone Kretas mit einem Zeichen unterstützen. Was immer er aus dem Meer an die Oberfläche bringe, er würde es dem Gott opfern. Überraschend taucht ein weißer Stier aus den Schaumkronen der See empor und Minos wird daraufhin zum Herrscher von Kreta gekrönt. Jedoch verschont er den prächtigen Stier, übernimmt ihn in seine Herde und opfert einen anderen minderwertigen Stier. Um Minos zu bestrafen, verführt Poseidon Minos Ehefrau Pasiphae, sich von dem weißen Stier begatten zu lassen. Sie gebärt aus der Vereinigung ein schreckliches menschenfressendes Ungeheuer mit dem Körper eines Mannes und dem Kopf eines Stieres, das den Namen Minotaurus erhält. Aus Scham und Furcht vor Poseidon lässt Minos ihn nicht töten, sondern beauftragt den genialen Erfinder Daidalos ein Gefängnis für das Ungeheuer zu bauen. Daidalos entwirft ein komplexes Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt und in das der Minotaurus eingesperrt wird.

Nachdem Androgeos, ein Sohn von Minos und Pasiphae, in Athen ums Leben kommt, macht Minos die Athener dafür verantwortlich und unterwirft die Stadt in einem Rachefeldzug. Als Wiedergutmachung verlangt er von den Athenern, alle neun Jahre sieben junge Frauen und sieben junge Männer nach Kreta zu entsenden, um sie dem Minotaurus zu opfern.

An dieser Stelle beginnt die Heldenreise des Theseus. Er ist gerade volljährig geworden, als eine dritte Entsendung nach Kreta ansteht. Als Sohn des Königs von Athen meldet sich Theseus, um das Ungeheuer zu töten und nimmt den Platz eines der jungen Männer ein. Auf Kreta angekommen, verliebt sich Ariadne, eine Tochter von Minos und Pasiphae, in den Athener Prinzen. Einem Rat Daidalos folgend übergibt Ariadne Theseus heimlich ein Schwert und ein Knäuel aus einer goldenen Schnur. Auf seinem Weg in die Mitte des Labyrinthes entrollt er die goldene Schnur. Im Zentrum stößt er auf den Minotaurus, tötet ihn nach einem heftigen Kampf und findet mithilfe der Schnur zum Eingang des Labyrinthes zurück. Zusammen mit Ariadne, ihrer jüngeren Schwester Phaidra und den anderen jungen Athenern flieht Theseus von Kreta und segelt mit ihnen zurück nach Athen.

Initiationsrituale in Labyrinthen

Die Heldenreise des Theseus ist das Echo eines uralten Initiationsrituals [englisch: rite of passage, deutsch: Übergangsritual] vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Als junger Mann verlässt Theseus das elterliche Haus in Athen und geht mit anderen Initianden als Todgeweihte, deren Kindheit sterben wird, auf eine Reise nach Kreta, wo sich das Labyrinth, der magische Ort der Wandlung, befindet. Theseus betritt es allein und entrollt auf seinem Weg in die Mitte eine goldenen Nabelschnur, ein Symbol des Urvertrauens und der Bindungsfähigkeit. Die Umkehrung des Geburtsweges ist der Weg in den Tod. Das Labyrinth ist der Ort der Transformation, in den hinein gestorben und aus dem hinaus geboren wird. In der Mitte, dem Inkubator des Labyrinths, muss sich Theseus seiner Angst stellen und gegen seine inneren Dämonen kämpfen. Er flieht nicht, sondern bleibt, bis er sie besiegt hat. Dann erst verlässt er den Inkubator und kehrt zurück über seine goldene Nabelschnur. Er gebiert sich selbst und verlässt das Labyrinth als Mann. Von nun an kann er sich mit einer Frau verbinden. Mit den anderen Initianden kehrt er heim in die Gemeinschaft nach Athen, wo sie als Helden gefeiert werden.

Die ältesten Abbildungen von Labyrinthen in Europa stammen aus der frühen Bronzezeit (ca. 2.000 v. Chr.) und wurden als Petroglyphen an der Ría de Pontevedra, in Galizien im Nordwesten Spaniens entdeckt (siehe auch: Die Labyrinthe von Pontevedra).

Christliche Labyrinthe

Die christlichen Labyrinthe bezogen sich ursprünglich auf den griechischen Mythos von der Heldenreise des Theseus. War das Thema des Labyrinths bei den Römern noch eine Heldenreise, die Initiation vom Jugendlichen zum Erwachsenen, so wurde es im Christentum des Mittelalters verstanden als bußhafter Weg aus der Sünde zum Jüngsten Gericht und Kampf gegen das Böse.

Das wahrscheinlich früheste noch erhaltene Beispiel für die christliche Darstellung eines Labyrinthes befindet sich am Eingang der Basilika von Reparatus im heutigen Chlef in Algerien. Die Kirche wurde unter Konstantin dem Großen im Jahr 324 erbaut.

Labyrinthe erschienen immer wieder in christlichen Handschriften vom 11. bis zum 14. Jahrhundert.

Sie erlebten ihre Blüte in Frankreich in den großen Labyrinthen der gotischen Kathedralen und existieren heute nur noch in den Kathedralen von Chartres (1200), Amiens (1288 gebaut, 1825 zerstört, 1894 wiederaufgebaut) und St. Quentin (1495). Im Zeitalter der Aufklärung und des Rationalismus wurden viele Labyrinthe zerstört: in Auxerre (1690), Sens (1768), Reims (1778) und Arras (1795 mit dem Abbruch der Kathedrale). Ihr tieferer Sinn war mit der Zeit verloren gegangen oder wurde als Aberglaube abgetan. Sie wurden als Spielerei betrachtet und störten den Ablauf der Gottesdienste.

Auferstehung Christi

Mit dem Choral Victimae paschali laudes, der die Auferstehung Christi verkündet, umkreisten früher in der Osternacht die Geistlichen der Kathedrale von Chartres das Labyrinth, während der Älteste von ihnen feierlich und im Rhythmus des Liedes den Weg ins Innere abschritt. Dabei trug er einen gelben Knäuel vor seiner Brust. Nachdem er in der Mitte angekommen war, warf er jedem außerhalb den goldenen Ball zu, der umgehend wieder zu ihm zurückgeworfen wurde.

Ich gebe dir das Ende einer goldenen Schnur,
Wickle sie auf zu einem Ball,
Er wird dich führen zur Himmelstür
in Jerusalems Mauerwall

William Blake (1757–1827), aus: To the Christians (Übersetzung: Rolf Krane)

Die Kathedrale von Chartres

Bestuhlung

Eine Begehung des Labyrinths von Chartres ist nur zu bestimmten Zeiten möglich, da es normalerweise von einer Bestuhlung verdeckt wird.

Pünktlich mit dem Ende der Begehungszeit beginnen die Mitarbeiter der Kathedrale damit, die Stuhlreihen wieder zurück auf das Labyrinth zu stellen. Bis zum 15. Jahrhundert waren Kirchen nicht bestuhlt und man konnte sich frei umher bewegen. Es gibt einen Beschluss des Kapitels aus dem Jahr 1656, aus dem hervorgeht, dass es zwei Bürgern aus Chartres gestattet wurde, Sitzgelegenheiten für die Predigt zu vermieten. Damit muss die Bestuhlung der Kathedrale ihren Anfang genommen haben.

Labyrinth und Rosette

Die große Rosette über dem Westportal, dem Haupteingang der Kathedrale, wurde zusammen mit dem Labyrinth als eine Einheit entworfen und realisiert. Der Durchmesser der Rosette entspricht dem Durchmesser des Labyrinths.

Das Jüngste Gericht

Sie stellt die Wiederkunft Christi im Jüngsten Gericht dar. Im Zentrum schwebt der auferstandene Christus mit ausgebreiteten Armen und zeigt seine Wundmale. Auf den tropfenförmig erweiterten Kreisen um ihn herum findet man Szenen mit Aposteln und Engeln. Im kleinen Kreis des Tropfens oben ist ein Adler, das Symbol für den Evangelisten Johannes, abgebildet, links ein Löwe für Markus, rechts ein Stier für Lukas und unten ein Mensch für Matthäus.

In einer Zeit des Verfalls der mittelalterlichen Ordnung und der Verbreitung der Pest, der Millionen Menschen in ganz Europa zum Opfer fielen, waren die Menschen überzeugt, das Jüngste Gericht stünde als konkretes Ereignis unmittelbar bevor. Eifrig bemühten sie sich um ein gottgefälliges Leben und leisteten Buße für ihre Sünden, um beim Jüngsten Gericht im Himmel und nicht in der Hölle zu landen. So entstanden in jener Zeit viele beeindruckende christliche Kathedralen und Basiliken überall in Europa. Ganze Handwerkszünfte leisteten gemeinsam einen praktischen Beitrag oder spendeten wie die Adeligen die für den Bau benötigten finanziellen Mittel. Und so findet sich das zentrale Motiv für ihre Bemühungen, das Jüngste Gericht, wieder in zahlreichen Tympana von Portalen und Fensterrosen der Kirchen aus jener Zeit.

Eine Wallfahrt nach Jerusalem aber war für die Christen des Mittelalters die ultimative Pilgerreise, um Buße zu tun. Wer dazu nicht in der Lage war, konnte ersatzweise auf allen Vieren durch das Labyrinth in Chartres kriechen. Es wurde deshalb auch „der Weg nach Jerusalem“ genannt.

Der Mittelpunkt des Labyrinths ist zum Fußpunkt der Westfront genauso weit entfernt wie der Mittelpunkt der Rosette. Könnte man die Westfront nach Innen auf den Boden klappen, so würde die Rosette mit dem Labyrinth zusammenfallen. Und so führt der Weg im Labyrinth zum Jüngsten Gericht, bei dem entschieden wird, wie es nach dem Tod weitergeht. Steigt die Seele auf in den Himmel oder wird sie nach unten in die Hölle verstoßen?

Die äußeren Fensterkreise der Rosette stellen genau diese möglichen Konsequenzen unmissverständlich dar. In den äußeren linken und rechten Kreisen sind Tote abgebildet, die aus ihren Gräbern steigen. Die beiden oberen Kreise beinhalten Szenen aus dem Himmel. In den benachbarten Kreisen links und rechts blasen Engel die Posaunen zum Jüngsten Gericht und in den beiden unteren Kreisen werden Szenen aus der Hölle dargestellt.

Der gleichschenkelige rechte Winkel, in dem Fenster und Labyrinth zueinanderstehen, die vierblättrige Mandorla um Christus und die kreuzförmige Grundstruktur des Labyrinths symbolisieren den rechtwinkeligen Raum. Sie stehen auch für das Recht, das im Jüngsten Gericht gesprochen wird. Und so finden wir auch den Erzengel Michael im Tropfen unterhalb von Christus mit einer Waage. Ihr Ausschlag entscheidet, in welchen Raum es nach dem Tode weitergeht.

Das Geheimnis des Messing-Nagels

Im Boden vor der westlichen Wand des südlichen Seitenschiffes gibt es eine auffällige Fliese. Sie ist nicht nur größer als die anderen, sondern auch quer zu ihnen verlegt. Schaut man genauer hin, findet man darin eingelassen einen Nagel aus Messung.

Einzig am Tag der Sommersonnenwende um den 21. Juni fällt bei Sonnenhöchststand ein Lichtstrahl durch ein kleines Loch in einem Kirchenfenster auf den Kopf dieses Nagels. Wer zur rechten Zeit daneben steht, kann beobachten, wie sich der Lichtpunkt allmählich auf den Nagel zubewegt.

Über der Fliese mit dem Nagel, im Glasfenster der Westwand des rechten Seitenschiffes, das dem heiligen Apollinarius gewidmet ist, kann man rechts in der Mitte des Fensters einen dunklen Kreis mit einem Lichtpunkt in der Mitte erkennen. Es ist die Öffnung, durch die das Licht auf den Nagelkopf fällt.

Welche Bedeutung diese Vorrichtung in der Vergangenheit hatte, bleibt vorerst ein Geheimnis.

Himmlische Aussichten

Mit ihrer Firma Promenades Angéliques fotografieren die beiden Fotografen Alain Kilar und Joëlle Richard gotische Kathedralen aus der „Perspektive fliegender Engel“ mit einer speziellen robotergesteuerten Kamera, die sie „Séraphine“ genannt haben. Das Ergebnis sind unglaubliche Serien, z.B. aus den Kathedralen von Chartres, Bourges, Lausanne und Freiburg.

Die Fotos von Fenstern, Fußböden und Deckengewölben wurden aus bisher nicht gesehenen Blickwinkeln in einzigartiger Qualität aufgenommen. Besonders sehenswert sind die fantastischen Luftaufnahmen des Labyrinths von Chartres:

Foto © Alain Kilar