Logbuch des Lebens

Würden wir uns genauso selbstzufrieden unter die Lupe nehmen wie etwa Einsiedlerkrebse, dann müssten wir anhand der gewonnenen Erkenntnisse zugeben: »Ein symptomatischer Zug des Homo sapiens besteht darin, dass sich Gruppen von Individuen in gewissen Abständen mit einer fiebrigen Nervosität anstecken, die dazu führt, dass die Individuen nicht nur ihre Artgenossen, sondern auch alles vernichten, was diese Spezies erschaffen hat. Ob dies durch einen Virus oder Sporen verursacht wird oder die Folge eines unbekannten meteorologischen Stimulus ist, bleibt offen.<< Die Hoffnung, die für unsere Art ebenso symptomatisch ist – die Hoffnung, dass dies nicht immer so bleibe -, hat keinerlei Einfluss auf Vergangenheit oder Gegenwart. Wenn sich zwei Langusten begegnen, kommt es gewöhnlich zum Kampf. Es wäre zwar denkbar, dass dieser in Zukunft unterbleibt, allerdings würde das eine Mutation voraussetzen. Und vielleicht ist unsere Art ohne eine – derzeit nicht absehbare – seelische Mutation ebenso wenig in der Lage, keine Kriege mehr zu führen. Wenn man ökonomische Unsicherheit, Ungleichheit oder Ungerechtigkeit für Mord und Zerstörung verantwortlich macht, dreht man den Spieß nur um. Unser Wesen bestimmt den Ist-Zustand. Ob die Languste nun eifersüchtig oder sexuell verunsichert ist – wir können nur feststellen, dass sie kämpft. Sollten wir eines Tages in einem gerechten und ökonomisch stabilen System leben und es zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre lang kein Anzeichen von Mordlust mehr geben, dann könnten wir vielleicht ein anderes Verhaltensmuster studieren; zum jetzigen Zeitpunkt aber ist dergleichen nicht in Sicht.

aus: John Steinbeck: Logbuch des Lebens. 2017 mareverlag, Hamburg. S. 39f

The Log from the Sea of Cortez

The Log from the Sea of Cortez [deutsch: Logbuch des Lebens] ist ein englischsprachiges Buch des amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck, das 1951 veröffentlicht wurde. Es beschreibt eine sechswöchige, vom 11. März bis zum 20. April dauerde, Forschungsreise mit einem Boot, die er 1940 zusammen mit seinem Freund, dem Meeresbiologen Ed Ricketts, von Monterey ausgehend in den Golf von Kalifornien [englisch auch: Sea of Cortez] unternahm.

Das Buch gilt als eines von Steinbecks wichtigsten Sachbüchern, vor allem wegen der Beteiligung von Ricketts, der Steinbecks Denken prägte und den Prototyp für viele der Hauptfiguren in seinen Romanen lieferte, und wegen der Einblicke, die es in die Philosophien der beiden Männer gibt.

Gerade heute ist das Logbuch des Lebens wegen des andauernden Krieges gegen die Ukraine von großer Aktualität, zu einer Zeit in der die Menschheit durch den fortschreitenden Klimawandel und die Zerstörung der Ökosysteme existentiell bedroht ist. Es enstand zu einer Zeit, als sich der Zweite Weltkrieg bereits über grosse Teile Europas ausgebreitet hatte, und die Expedition einem neuem ökologischen Verständnis folgte, das die Arten nicht wie zuvor isoliert und unabhängig voneinander, sondern in ihrem Zusammenleben in ihren Ökosystemen betrachtete. Der für die damalige Zeit bahnbrechende Blick auf die Natur angesichts eines sich ausbreitenden Krieges in Europa findet sich immer wieder in den philosophischen Betrachtungen der tagebuchartigen Reisebeschreibung.

Sea of Cortez

Logbuch des Lebens ist der erzählende Teil eines früheren Werkes, Sea of Cortez: A Leisurely Journal of Travel and Research, das von Steinbeck und Ricketts 1941 nach ihrer Rückkehr aus dem Golf von Kalifornien veröffentlicht wurde. Steinbeck überarbeitete und ergänzte die Reisetagebücher Ricketts und kombinierte sie mit dessen Artenkatalog.

Das Buch wurde in der ersten Dezemberwoche veröffentlicht, in der gleichen Woche, in der am 7. Dezember 1941 der Angriff auf Pearl Harbor stattfand und die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten.

Nach Ricketts Tod im Jahr 1948 veröffentlichte Steinbeck 1951 den unveränderten erzählenden Teil unter dem neuen Titel The Log from the Sea of Cortez. Er ließ die Artenliste von Ricketts fallen und fügte ein Vorwort mit dem Titel About Ed Ricketts hinzu, eine Biographie seines Freundes.

Ed Ricketts Labor

Ed Ricketts (1897-1948) war Philosoph, Meeresbiologe, Besitzer der Pacific Biological Laboratories und ein wegweisender Ökologe. Sein Labor in Monterey, Kalifornien, war auch ein Treffpunkt für Schriftsteller, Künstler und Musiker, zu dessen Gästen Joseph Campbell, Henry Miller und natürlich Steinbeck selbst zählten. Nach Ricketts frühem Tod 1948 bei einem Zugunglück wurde der Raum zu einem Club, in dem über Musik, Kunst und lokale Veranstaltungen diskutiert wurde. Dort wurde auch die Idee für das seit 1958 jährlich stattfindende Monterey Jazz Festival geboren.

Pacific Biological Laboratories
Monterey 2013

Monterey Bay Aquarium

Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Ed Ricketts und dem Monterey Bay Aquarium, das 1984 in der Nachbarschaft seines Labors an der Cannery Row eröffnet wurde und eines der größten Schauaquarien weltweit ist. Das Konzept des Aquariums, das Arten in Exponaten basierend auf ihrem natürlichen Ökosystem gruppiert, wurde von Ricketts Arbeit maßgeblich beeinflusst. Da wäre zum Beispiel der Kelp Forest, ein großes Aquarium mit hypnotisierend wiegenden Seetang, zwischen denen Fische und Leopardenhaie herumschwimmen.

Kelp Forest
Monterey Bay Aquarium 2016

Ricketts Buch Between Pacific Tides aus dem Jahr 1939 war bahnbrechend für die Gezeitenökologie der Pazifiküste im Monterey Bay, da er die Meerestiere nicht nach der Verwandtschaft der Arten organisierte, sondern danach, in welchem gemeinsamen Lebensräumen sie zu finden waren.

Ähnlich wie beim Menschen scheinen für die Meeresfauna Dominanz und Inbesitznahme das Überleben am besten zu sichern. Manchmal führt der Erfolg eines Tieres aber auch zu dessen Untergang. So ist es wiederholt passiert, dass eine Art ihre Nahrungsgrundlage durch rasche und erfolgreiche Vermehrung so stark erschöpfte, dass sie ausweichen musste oder zugrunde ging. Manchmal erweist sich auch eine zu hohe Konzentration der Stoffe, die die Tiere ausscheiden, als Gift für die eigene Art.

aus: John Steinbeck: Logbuch des Lebens. 2017 mareverlag, Hamburg. S. 111

Cannery Row

(1996)

Schritt für Schritt ins Paradies?

Wird die Menschheit seelisch mutieren, um sich von ihrem Aussterben zu bewahren?Angesichts ihrer drohenden atomaren Selbstvernichtung, eines durch sie verursachten fortschreitenden Artensterbens und Klimawandels und weiterer Pandemien als Folge ihrer globalen Ausbreitung und Massentierhaltung, ist das wenig wahrscheinlich. Es sei denn, es geschieht ein Wunder, das außerhalb unserer gegenwärtigen Vorstellungskraft liegt. Also, geben wir dem Wunder eine Chance.

Monterey – Eric Burdon and the Animals
(Monterey Pop Festival 1967)
Happy Together
Leningrad Cowboys & Alexandrow-Ensemble der Roten Armee
(Total Balalaika Show, Helsinki 1993)

Das Leben findet einen Weg!

Was auch immer in den kommenden Jahren geschehen mag, das Leben auf der Erde wird sich weiterentwickeln, auch ohne Menschheit. Es wird sich an die menschlichen Ausscheidungen, den Plastikmüll in den Meeren, die radioaktiven und chemischen Verseuchungen und das veränderte Klima anpassen.

Life finds a way.

Dr. Ian Malcolm, Jurassic Park 1993

Die Sonne wird noch weitere fünf Milliarden Jahre scheinen, bis sie erlöscht. Bis dahin wird sich die Erde weiterdrehen. Dem Leben wird genug Zeit bleiben, ein neues Gleichgewicht zu finden und neue Arten hervorgehen zu lassen. Vielleicht entwickelt sich in ferner Zukunft sogar eine seelisch und emotional intelligente Art, die im Frieden mit sich und ihrer Umwelt zu leben vermag.

Was würde passieren, wenn die Menschen verschwinden?

Dann gäbe es nur ein einziges Gebot für Lebewesen: Überlebe! Und die Formen und Arten, Einheiten und Gruppen sind gerüstet, um zu überleben, sind zu diesem Zweck mit Reißzähnen bestückt, mit Vorsicht versehen, mit Ungestüm, Klugheit, Gift und Intelligenz. Dieses Gebot sieht Tod und Vernichtung von Myriaden Individuen vor, damit das Ganze überlebt. Das Leben kennt nur ein übergeordnetes Ziel, nämlich, am Leben zu bleiben; alle Tricks und Mechanismen, alle Erfolge und alles Scheitern dienen diesem einen Ziel.

aus: Logbuch des Lebens. S. 265