50 Jahre Nelkenrevolution

Letzte Änderung 2. Januar 2026

Die Nelkenrevolution [portugiesisch: Revolução dos Cravos] ist eines der bemerkenswertesten Ereignisse der modernen europäischen Geschichte. Am 25. April 1974 beendete ein fast unblutiger Militärputsch die langlebigste Rechtsdiktatur des Kontinents und ebnete den Weg für das heutige demokratische Portugal.

Am 25. April 2024 wurde in Portugal der 50. Jahrestag der Nelkenrevolution gefeiert – so auch in Lagos.

Ursachen der Revolution

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Statue des Dom Sebastiao auf dem Platz Praca Gil Eanes (Fahnen geschmücktes Gebäude der Stadtpolizei)

Das von António de Oliveira Salazar in den 1930er Jahren gegründete portugiesische Regime Estado Novo [deutsch: Neuer Staat] war über vier Jahrzehnte lang ein autoritärer Ständestaat, der auf den Säulen „Gott, Vaterland, Familie” basierte. Unter Salazar und seinem Nachfolger Marcello Caetano blieb Portugal wirtschaftlich rückständig und gesellschaftlich isoliert. Die berüchtigte Geheimpolizei PIDE unterdrückte jegliche Opposition durch Folter, Verhaftungen und ein dichtes Netz an Informanten. Während der Rest Europas wirtschaftlich florierte, blieb Portugal ein Land der Analphabeten und der Armut.

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Dom Sebastiao (1554-1578), der 16. König von Portugal, lebte in einer mystischen Traumwelt aus mittelalterlichen ritterlichen Idealen und der Kreuzzugsidee

Der entscheidende Katalysator für die Revolution war jedoch der Kolonialkrieg. Portugal klammerte sich verzweifelt an seine Überseegebiete in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau. Während andere europäische Mächte ihre Kolonien in die Unabhängigkeit entließen, führte das Regime einen zermürbenden Dreifrontenkrieg. So flossen fast die Hälfte des Staatshaushalts in das Militär. Tausende junge Portugiesen fielen in diesem Krieg, und eine ganze Generation floh ins Ausland, um dem Wehrdienst zu entgehen. Die unteren und mittleren Offiziersränge erkannten, dass dieser Krieg militärisch nicht zu gewinnen war. Sie fühlten sich von der politischen Führung im Stich gelassen.

Auslöser der Revolution

Die Revolution war kein spontaner Volksaufstand, sondern ein präzise geplanter Putsch der Movimento das Forças Armadas [deutsch: Bewegung der Streitkräfte], einer Gruppe junger Offiziere, die sich „Capitães de Abril” nannten. Der Plan war ebenso kühn wie poetisch. Um den Truppen im ganzen Land den Startschuss zu geben, nutzte das MFA den katholischen Radiosender Emissores Associados de Lisboa (heute: Rádio Renascença)). Zwei Lieder wurden als Codesignale vereinbart.

E Depois do Adeus - Paulo de Carvalho [1]
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E Depois do Adeus - Paulo de Carvalho [1]

Am 24. April 1974 um 22:55 Uhr wurde das Liebeslied E depois do adeus [deutsch: Und nach dem Abschied] gespielt. Es war das Signal für die Soldaten, sich bereitzumachen.

Ich wollte wissen:
Wer bin ich?
Was mache ich hier?
Wer hat mich verlassen?
Wen habe ich vergessen?
Ich habe nach mir gefragt.
Ich wollte etwas über uns wissen.
Aber das Meer bringt mir nicht deine Stimme.

Anfang des Liedes: E depois do adeus (Übersetzung: Rolf Krane mithilfe von Deepl.com)
Grândola, Vila Morena - José Afonso [1]
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Grândola, Vila Morena - José Afonso [1]

Nur 85 Minuten später, am 25. April um 00:20 Uhr, wurde im gleichen Sender das portugiesische Kampflied Grândola, Grândola, Vila Morena [deutsch: Grândola, dunkelhäutige Stadt] des antifaschistischen Liedermachers José Afonso [auch genannt: Zeca Afonso oder Zeca] ausgestrahlt. Dies war das unwiderrufliche Signal zur Besetzung der strategisch wichtigen Punkte in Lissabon.

Grândola, dunkelhäutige Stadt
Erde der Brüderlichkeit
Das Volk hat das Sagen
In dir, oh Stadt

Anfang des Liedes: Grândola, Vila Morena (Übersetzung: Rolf Krane mithilfe von Deepl.com)

Nelkenrevolution

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Street-Art: Jorge Pereira Nothanks (R. 25 de Abril, 2020) – STREET ART, with Jorge “Nothanks” Pereira

Obwohl das Militär die Menschen bat, in ihren Häusern zu bleiben, strömten Tausende auf die Straßen von Lissabon, um die Soldaten zu unterstützen. Eine Restaurantangestellte namens Celeste Caeiro wollte den Soldaten Blumen schenken, da ihr Restaurant wegen des Putsches nicht öffnen konnte. Sie steckte einem Soldaten eine Nelke in den Gewehrlauf, woraufhin andere ihrem Beispiel folgten. So wurde die rote Nelke zum Symbol für den Sieg der Zivilgesellschaft über die Waffen.

Innerhalb weniger Stunden brach das Regime zusammen. Celeste Caeiro kapitulierte und floh ins brasilianische Exil.

Die Nelkenrevolution war jedoch mehr als nur ein Regierungswechsel. Ein allgemeines Wahlrecht und ein öffentliches Gesundheitssystem wurden eingeführt. Portugal wurde Mitglied der Europäischen Union. Es beendete seine Kolonialkriege und entließ die afrikanischen Territorien in die Unabhängigkeit.

50 Jahre Nelkenrevolution in Lagos

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Im Jahr 2024 feierte Portugal den 50. Jahrestag dieses historischen Moments mit besonderem Stolz. Während die großen Paraden auf der Avenida da Liberdade in Lissabon stattfanden, bot die an der Algarve gelegene historische Seefahrerstadt Lagos ein lokal verankertes Programm. Am Morgen des 25. April 2024 versammelten sich Bürger und lokale Würdenträger auf dem Praça do Infante, um in einer feierlichen Sitzung der Bedeutung der Demokratie zu gedenken.

Die Altstadt von Lagos

Quellenverzeichnis

[1] Foto-Ausschnitt aus: Valerio Arcary: 50 años de la Revolución de los Claveles: ¡25 de Abril, sempre! 25.4.2024. in: www.lahaine.org