Schläft ein Lied in allen Dingen

Blick vom Philosophenweg
auf die Heidelberger Altsatdt

Im Philosophengärtchen, einem kleinen Park am Philosophenweg oberhalb des Neckars, befindet sich ein Gedenkstein zu Ehren des romantischen Schriftstellers und Lyrikers Joseph von Eichendorff (1788-1857), der von 1807 bis 1808 Rechtswissenschaft, Philosophie und Literatur in Heidelberg studierte.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Im unteren Teil der Stele ist ein Gedicht aus dem Jahr 1835 in den Stein gemeißelt. Mit seinem Erscheinen 1838 im Deutschen Musenalmanach erhielt es von Adelbert von Chamisso  den Titel Wünschelruthe. Eichendorffs Vierzeiler gilt heute als Quintessenz der Spätromantik.

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Joseph von Eichendorff: Wünschelrute (1835)

Jede Erscheinung der Natur hat eine Seele, die uns verborgen bleibt, solange wir nicht mit ihr in Resonanz gehen. Stimmen wir uns ein in ihren Klang, finden wir den passenden Ton oder das richtige Wort, schwingen wir mit ihr und werden mit ihr eins, so beginnt die Welt auf wunderbare Weise zu klingen und zu singen.

Die Romantik war eine Bewegung, die sich gegen den Rationalismus der Aufklärung stellte, die der Natur, den Tieren, Pflanzen, Gewässern, Gebirgen und Landschaften, eine Seele abgesprochen hatte. Mit der Entseelung der Natur war der Weg frei gemacht für ihre Ausbeutung, die Zerstörung der Landschaften durch den Raubbau von Bodenschätzen, die Ausbeutung und Verschmutzung der Flüsse und Meere, das Abtöten des Mutterbodens durch Kunstdünger und Pestizide, die damit einhergehende Vernichtung des Mikrobioms der Erde, das Artensterben, die Massentierhaltung, die Abholzung der Wälder und die Verschmutzung der Atmosphäre.

Wo wären wir heute, wenn wir jedem Berg, jedem Fluss, jedem Fisch, jedem Huhn, jedem Insekt und jedem Wurm ein Seele zugesprochen hätten? Wo wären wir heute, wenn wir ihre Lieder zum Klingen anstatt zum Schweigen gebracht hätten?

Oberhalb des Philosophengärtchens und unterhalb des Bismarckturmes ist Joseph von Eichendorff eine eigene Parkanlage gewidmet, in deren Zentrum eine Tafel errichtet ist.

In dieses Märchens Bann verzaubert stehen
Die Wandrer still. – Zieh weiter, wer da kann!
So hatten sie’s in Träumen wohl gesehen,
Und jeden blickt’s wie seine Heimat an,
Und keinem hat der Zauber noch gelogen,
Denn Heidelberg war’s, wo sie eingezogen.

aus: Joseph von Eichendorff: Robert und Guiscard (1855)