Ein Theater für Träumer

Der Knabe auf dem Delphin
(Deutscher Trailer)
mit Sophia Loren als Phaedra
Jean Negulesco
, 1957

Im Spielfilm Der Knabe auf dem Delphin aus dem Jahr 1959 entdeckt Phaedra (Sophia Loren), eine Schwammtaucherin aus Hydra, unter Wasser die Steinstatue eines Delphins, auf dem ein Knabe aus Gold reitet. Sie reist nach Athen, um sie an einen reichen ausländischen Sammler zu verkaufen und lernt dabei den amerikanischen Archäologen Dr. James Calder (Alan Ladd) kennen, der die Statue für Griechenlands Museen erhalten möchte.

Die Insel Hydra, der Hauptschauplatz des Films, liegt etwa 65 km südwestlich von Athen am Rande des Saronischen Golfs. Ihre glorreichen Tage hatte sie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert erlebt, als sie berühmt für ihren Schiffsbau war, dem jedoch sämtliche Bäume der Insel zum Opfer fielen. Im Unabhängigkeitskrieg vom Osmanischen Reich  (1821–1832) entwickelte sich Hydra zu einem führenden Stützpunkt der griechischen Seemacht. Der Hafen mit seinen Zwillingsfestungen und vielen Kanonen beherbergte und schützte die Flotte. Doch die Unabhängigkeit Griechenlands hatte einen hohen Preis für Hydra. Viele ihrer Handelsschiffe, die vom Militär genutzt wurden, gingen durch die Kämpfe verloren. Nach der Schaffung des griechischen Staates verlor die Insel bedingt durch die Dampfschiffrevolution auch ihre maritime Position an neue Reedereien in Piräus, Patras und Syros. Hydra suchte erneut ihre Rettung im Meer. Das Schwammtauchen und der damit verbundene Handel wurden damals zu ihrer Haupteinnahmequelle. Ein rücksichtsloser Raubbau und Krankheiten, die durch den Erwärmung des Meeres verursacht sein könnten, reduzierten die Bestände und führten seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem Ende des kommerziellen Schwammtauchens. Auch gab es seit der Erfindung synthetischer Schwämme im Jahr 1952 preisgünstigere Alternativen. Damit ereilte Hydra das gleiche Schicksal wie der Insel Symi.

Der Film Der Knabe auf dem Delphin spielt in jener Zeit und erweckte die Insel zu neuem Leben. Schriftsteller, Maler und Musiker fühlten sich durch den Film und das Buch Der Koloß von Maroussi: Eine Reise nach Griechenland von Henry Miller, der Hydra bereits 1939 besucht hatte, angezogen von der verträumten Insel ohne Autoverkehr mit ihrer malerischen Hafenstadt, die seit Miller häufig mit einem Amphitheater verglichen wird.

»Die Stadt, die in Form eines Amphitheaters um den Hafen ansteigt, ist makellos. Es gibt nur zwei Farben. Blau und Weiß, und das Weiß wird jeden Tag bis zum Straßenpflaster frisch getüncht.«

Henry Miller, in: Der Koloß von Maroussi, 1941

Von 1960 bis 1967 lebte Leonard Cohen dort in einer Künstlerkolonie aus Schriftstellern, wie Axel Jensen, Göran Tunström, George Henry Johnston und Charmian Clift. Fotografiert wurden sie von James Burke, einem amerikanischen Fotojournalisten, dessen Bilder aus jener Zeit man heute bei Getty Images anschauen und bestellen kann. Ebenso sehenswert ist eine Fernseh-Dokumentation des Bayrischen Rundfunks aus dem Jahr 1966 mit dem Titel Hydra – Weißes Eiland.

Bis heute ist die autofreie Insel, die man von Piräus in 90 Minuten mit dem Tragflügelboot erreicht, ein Treffpunkt für Künstler geblieben. In den vergangenen zehn Jahren hat sie sich zu einer regelrechten Kunsthochburg entwickelt. Manche bezeichnen sie heute gar als das St. Tropez der Ägäis.

David Gilmour (siehe auch: Beitrag Leuchte, du verrückter Diamant) hat sich im letzten Jahr mit seiner Großfamilie von seinem Anwesen in Sussex (Süd-England) zum Schutz vor der Pandemie dorthin zurückgezogen. Seine Ehefrau Polly Samson, eine Schriftstellerin, hatte über die Künstlerkolonie in den 1960er Jahren geforscht. Über ihre Ergebnisse schreibt sie in einen Artikel des Guardian: Bohemian tragedy: Leonard Cohen and the curse of Hydra. Darauf basierend verfasste sie ihren neuesten Roman: Sommer der Träumer (Originaltitel: A Theatre for Dreamers, 2020).

Polly Samson über ihr Buch
A Theatre For Dreamers

»Wenn Sie einmal auf Hydra gelebt haben, können Sie nirgendwo anders mehr leben, auch nicht auf Hydra.«

Kenneth Koch (zitiert in: The Guardian, Übersetzung: Rolf Krane)

Die Idylle Hydras und ihre Geschichte machen Lust auf eine Reise dorthin, solange es noch möglich ist. In der Antike war sie, wie ihr griechischer Name Ydra (von griechisch ὕδωρ [hýdōr]: Wasser) es ausdrückt, eine fruchtbare und wasserreiche Insel. Heute hat sie keine eigenen Wasserreserven mehr, eine Folge der Abholzung in der Vergangenheit. Bis 2014 kam das Trinkwasser jeden Tag per Schiff vom Festland. Seitdem gibt es eine Meerwasser-Entsalzungsanlage. Fällt der Strom aus, wie 2018 geschehen, gibt es auch kein Wasser mehr (vgl. griechenland.net).

»Griechenland braucht keine Archäologen – es braucht Forstmeister. Ein grünes Griechenland könnte einer Welt, die jetzt vom Rost zerfressen wird, wieder Hoffnung verleihen.«

Henry Miller, in: Der Koloß von Maroussi, 1941
Der Knabe auf dem Delphin (1957)
Kompletter Film in deutscher Sprache