Dümmer als gedacht

Am 19. April 1995 betrat der 44-jährige McArthur Wheeler in Pittsburgh, Pennsylvania, am hellichten Tag unmaskiert zwei Banken, um sie auszurauben. Nachdem man Aufnahmen des Mannes aus den Überwachungskameras im Fernsehen gezeigt hatte, dauerte es keine Stunde, bis er verhaftet wurde. Als man ihm die Bilder zeigte, war er fassungslos und meinte: „Aber ich hatte doch den Saft aufgetragen.“ Er hatte sich das Gesicht mit Zitronensaft eingerieben und war fest davon überzeugt, dass die Substanz ihn für Kameras unsichtbar mache, so wie sich Zitronensaft als unsichtbare Tinte einsetzen lässt.

Jenes Ereignis veranlasste David Dunning, Professor für Sozialpsychologie an der Cornell University, und seinen Kollegen Justin Kruger, das zugrunde liegende Phänomen wissenschaftlich zu erforschen. 1999 publizierten sie ihre Ergebnisse. Der von ihnen entdeckte und nach ihnen benannte Dunning-Kruger-Effekt lässt sich anschaulich in einer Grafik darstellen:

Quelle: Wikimedia Commons

Überdurchschnittlich viele Menschen neigen zu einer überhöhten Selbsteinschätzung ihres Könnens und Wissens, wenn sie unfähig sind, sich selbst mittels Metakognition objektiv zu beurteilen. Unerfreulich für sie selbst ist außerdem, dass sie andere unterschätzen.

»Das Problem mit dummen Menschen ist, dass sie nicht die leiseste Ahnung haben, wie dumm sie wirklich sind.«

John Cleese – twitter

Erfolgreiche und erfahrene Menschen neigen dagegen eher zu Zweifeln. Der britische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell hatte diese Erkenntnis bereits 1935 in seinem Essay The Triumph of Stupidity (Der Triumph der Dummheit) in einem Satz zusammengefasst:

»Das Problem mit der Welt ist, dass die Dummen überheblich sind und die Intelligenten voller Zweifel.«

Bertrand Russell: The Triumph of Stupidity

2016 drangen brasilianische Einbrecher eingewickelt in Alufolie in eine Bank ein, um von der Alarmanlage nicht bemerkt zu werden, wie die Polizei vermutete. Sie waren damit ebenso erfolglos wie Wheeler, konnten jedoch ohne Beute noch rechtzeitig vor der alarmierten Polizei fliehen.

Auf Demonstrationen in Deutschland gegen die staatliche Corona-Politik waren Teilnehmer zu beobachten, die  Alu-Hüte bzw. eine Kugel aus Alufolie an einem Band um den Hals oder am Revers trugen, um sich gegen die Strahlung von 5G-Sendemasten zu schützen, die ihrer Meinung nach Corona-Viren verbreiten, oder um eine Manipulation ihrer Gedanken zu verhindern.

Es sieht so aus, als ob der Dunning-Kruger-Effekt in der gegenwärtigen Pandemie und globalen Klimakrise verstärkt zu beobachten ist. Manche Menschen sind dümmer als sie denken.

Wildecker Ernstbuben – Aluhut (2018!)

Man sollte jedoch zur „Ehrenrettung des Aluhutes“ hinzufügen, dass er einige nachweisliche Effekte hat. Auf eine entsprechende Anfrage der ZEIT Online, antwortete die Strahlenschutzexpertin Ursula Streubühr:  „Real hat er für mich schon eine Wirkung: Er hält den Kopf warm, schützt ihn vor Nässe und spendet Schatten.“