Die Leichtigkeit des Scheins

Drei Monate lang hatte ich mich selbst bekocht. Nur gelegentlich, wenn ich die Lust oder die Fantasie verloren hatte, griff ich ins Tiefkühlfach und es gab Pizza. Viel lieber hätte ich mich in einem Restaurant von einer fremden Küche mit exotischen Speisen verwöhnen lassen. Und so träumte ich von der libanesischen Küche, die mich immer wieder verzaubert hatte. Dachte ich nur an ihre frischen Kräuter, grüne Minze und Koriander, an ihre orientalischen Gewürze, Kreuzkümmel und Chili, aber auch an Zimt und Anis, dann lief mir schon das Wasser im Mund zusammen. In meiner Vorstellung konnte ich das Aroma saftig gebratener Auberginenscheiben schmecken, meine Zähne bissen genussvoll in die knackig gebackenen Blumenkohlröschen, der würzige Hummus zerging auf meiner Zunge und die fein süße Säure eingelegter roter Rüben explodierte in meinem Gaumen.

Heidelberger Altstadt
Foto: © Rolf Krane

Endlich waren die Neuansteckungen auf null gesunken und die Restaurants durften ihren Betrieb wieder aufnehmen. An Fronleichnam mache ich mich nachmittags auf den Weg zum Essen in die Heidelberger Altstadt und schlendere vom Bismarckplatz durch die Hauptstraße. Doch die körperliche Nähe in der flanierenden Masse überfordert mich nach Wochen der Isolation und ich weiche aus auf den Plöck. Hinter der Universitätsbibliothek steuere ich zielstrebig den ersten libanesischen Imbiss an. Die Tische vor dem Eingang sind alle belegt und im Lokal drängt sich ein Dutzend junger Leute vor der Theke. Also lasse ich den Imbiss rechts liegen, lege meinen Mundschutz an, wage mich wieder auf die Hauptstraße und erreiche nach wenigen Metern den nächsten Libanesen. Zwar sind auch hier alle Tische an der Straße belegt, aber ein Blick in den Innenraum macht mir Mut. Entschlossen durchschreite ich das leere Lokal, warte vor der Kasse und beobachte einen jungen Mann, der ausgestattet mit Mundschutz und leuchtend blauen Gummihandschuhen ein Teller-Menü zusammenstellt. Schließlich bin ich an der Reihe. Er stellt sich hinter die Kasse, blickt mich und fragt: „Bitte?“ Ich antworte: „Bitte einen Makali-Wrap zum Mitnehmen!“ Der vegetarische Wrap vereint alles in einer Tasche, was ich an libanesischer Küche mag. Er enthält gebackenen Blumenkohl, gegrillte Auberginenscheiben, Knoblauchcreme, Hummus, eingelegte rote Rüben, Tomaten, Gurken und Blattsalat. Um diese Köstlichkeit später in Ruhe und mit Genuss verzehren zu können, werde ich mich damit auf eine Bank am Rande des Universitätsplatz zurückziehen.

Dann deutet der junge Mann an der Kasse mit seiner leuchtend blauen rechten Gummihand auf den Zahlteller: „Macht vier Euro zwanzig.“ Ich lege einen Fünf-Euro-Schein darauf. Die blauen Finger greifen nach dem Schein, dann in die Kasse und legen das Wechselgeld zurück auf den Teller. „Stimmt so!“ sage ich, lasse es liegen und gehe zum Eingang, wo ein steter Wind durch die Straße weht und sich die Luft im Lokal erneuert. Dort warte ich und sehe dem jungen Mann dabei zu, wie er meinen Wrap zubereitet. Mit einer Plastikschale in der linken Hand, öffnet er mit der rechten Hand einen Kühlschrank, greift mit seinen Gummifingern hinein und holt einige Gemüseteile hervor, die er in die Schale legt.

Ich bin überrascht, mit welcher Leichtigkeit er mit denselben Handschuhen von der Kasse ins Gemüse greift. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde das Gemüse vor der Krise mit Zangen angefasst. Sicher, die Hände sind ein einfach zu nutzendes Werkzeug zum Greifen von Nahrungsmitteln. Sie sind auch das natürlichste. Hunderttausende von Jahren hat die Menschheit sie dazu benutzt und einige Kulturen essen heute noch mit den Fingern. Wenn man heutzutage dennoch künstliche Zangen benutzt, dann möchte man vermeiden, dass krankmachende Keime über die Hände ins Essen geraten. Da der junge Mann nun Gummihandschuhe trägt, kann das nicht passieren. Denkt er und er hat Recht. Doch die Keime überlisten ihn. Sie versammeln sich stattdessen viel lieber auf seinen Gummihandschuhen, wo sie nicht nur besser sitzen, sondern auch nicht abgewehrt werden. Daran denkt er nicht. Er stellt die Schüssel mit meinem Gemüse in eine Mikrowelle, startet sie und verschwindet.

Nach einer Weile erscheint ein zweiter Mitarbeiter mit den gleichen leuchtend blauen Gummihandschuhen. Er greift in eine Schublade, entnimmt ihr einen Teigfladen, legt ihn auf einen Teller, öffnet die Mikrowelle, holt die Schale heraus und stellt den Teller hinein. Dann verschwindet auch er wieder. Wieder nach einer Weile kommt ein Dritter, holt den Teller aus der Mikrowelle und stellt ihn neben die Schale. Dann verschwindet er kurz und kommt zurück mit einem Vierten, beide mit den leuchtenden Gummihandschuhen. Ihr Blau erinnert mich an Fernsehserien, die im Krankenhaus spielen. Ich stelle mir vor, wie die zahlreichen Mitarbeiter ihre Hände gründlich mit Seife waschen und mit frischgewaschenen Tüchern abtrocknen. Anschließend strecken sie ihre Unterarme und Finger einem Vorarbeiter entgegen, der ihnen gekonnt die sterilen Gummihandschuhe überzieht. Erst dann dürfen sie hinter die Ladentheke.

Mittlerweile haben sich der Dritte und der Vierte über meinen Fladen gebeugt. Während der Dritte ihn mit Gemüse belegt, verfolgt der Vierte aufmerksam jeden Handgriff. Danach legt der Dritte das Gemüse zurück in die Schale und der Vierte wischt seine Gummihandschuhe an der Schürze ab. Erst dann greift er nach dem Gemüse und verteilt es erneut auf meinem Fladen. Der Dritte beobachtet und korrigiert ihn, greift ein, wenn nötig, platziert eine Scheibe Aubergine neu oder legt eine Stück Blumenkohl um. Die beiden operieren völlig entspannt mit ihren gummierten Händen in meinem Gemüse. Die Gummihandschuhe sind für sie wie eine zweite Haut, als wären sie ein Teil von ihnen. Ich stelle mir vor, wie sie damit zur Toilette gehen und sich erleichtern. Eine Übelkeit steigt in mir auf und bleibt als Würgen im Hals stecken. Eine allergische Reaktion. Ich verlasse fluchtartig das Lokal. Wahrscheinlich habe ich eine Gummi-Intoleranz.

© Rolf Krane

Die Alte Brücke
Foto: © Rolf Krane