Die große Erkenntnis

„Erzähl mir die vom Virus, dann gehe ich ins Bett.“
„Mein Junge, Du bist müde, Du machst dir nur Gedanken, die Dich vom Schlafen abhalten.“
„Bitte, das ist meine Lieblingsgeschichte. Ich verspreche es Dir auch, nur noch einmal.“
„Dann kuschel Dich ein, mein Junge, obwohl ich weiß, dass Du sie schon gut kennst. Die Geschichte beginnt in einer Welt, in der ich einst lebte.“

Es war eine Welt der Verschwendung, der Wunder, der Armut und des Überfluss. Erst später verstanden wir das Jahr 2020. Wir Menschen schufen Unternehmen, um Handel mit allen Ländern zu treiben. Sie wuchsen und wuchsen, wurden größer, als wir uns je vorstellen konnten. Wir hatten immer schon Wünsche, aber jetzt ging alles viel schneller. An einem einzigen Tag konnten wir haben, wovon wir nur träumten, und das mit einem Klick. Wir sahen, wie die Familien aufhörten zu reden, was nicht hieß, dass sie nie sprachen. Der Lebenssinn ging uns verloren und das Gleichgewicht von Arbeit und Leben zerbrach. Die Augen der Kinder wurden quadratisch und jedes Kleinkind hatte ein eigenes Telefon. Inmitten des Lärms übersahen wir die Unzulänglichkeiten und fühlten uns allein. Jeden Tag wurde der Himmel dichter, bis wir die Sterne nicht mehr sahen. Also flogen wir, um sie zu finden, und tankten unten weiter unsere Autos voll. Wir fuhren den ganzen Tag im Kreis herum, hatten vergessen, wie man läuft. Wir tauschten das Gras gegen Asphalt, schrumpften die Parks, bis es keine mehr gab. Wir füllten das Meer mit Plastik, unser Müll vermehrte sich weiter grenzenlos, bis wir die Fische eingewickelt in Folie aus dem Wasser ziehen konnten. Und während wir tranken, rauchten und wetteten, lehrten uns unsere Führer, warum es besser ist, die Lobbys nicht zu verärgern, es bequemer ist … zu sterben.
Aber dann kam im Jahr 2020 ein neuer Virus zu uns.
Die Regierungen reagierten und sagten uns allen, wir sollten uns zurückziehen. Aber inmitten der Angst und während wir uns alle versteckten, entstaubten unsere Gefühle , erinnerten uns wieder zu lächeln. Wir begannen zu klatschen, um uns zu bedanken, und riefen unsere Mütter an. Und während die Autoschlüssel verstaubten, freuten wir uns auf das Laufen. Und da der Himmel weniger voll von Reisenden war, begann die Erde zu atmen. Und die Strände gebaren neues Leben, das in die Meere krabbelte. Einige Leute fingen an zu tanzen, einige sangen, andere backten. Wir hatten uns an schlechte Nachrichten gewöhnt, aber nun gab es auch gute. Und als wir endlich die Medizin gefunden hatten und nach draußen durften, da zogen wir die Welt, die wir vorfanden, der Welt vor, die wir hinter uns gelassen hatten. Alte Gewohnheiten starben aus und machten Platz für das Neue. Und jedes freundliche Handeln, so einfach es auch war, wurde nun gebührend gewürdigt.

„Aber warum brauchte es einen Virus, um die Menschen wieder zusammenzubringen?“
„Nun, manchmal muss man erst krank werden, mein Junge, bevor es einem besser geht. Jetzt leg Dich hin und träume von morgen und all den Dingen, die wir tun können. Und wer weiß, wenn Du nur tief genug träumst, wird vielleicht einiges davon wahr. Wir nennen diese Geschichte „Die große Erkenntnis“, und seitdem hat es viele weitere gegeben. Aber alles begann im Jahr 2020.“

© Tomos Robertson