Der Klügere gibt nach

Auf meinen Spaziergängen ziehe ich einen virtuellen Kreis mit einem Radius von 1,5 Metern um mich herum. Keiner außer mir darf ihn betreten. Die Wege durch die Weinberge haben eine ausreichende Breite von zwei bis drei Metern. Es mangelt nicht an Raum, um meinen Schutzkreis zu respektieren. Wenn mir jemand entgegenkommt, der sich wie ich ganz rechts hält, dann grüße ich ihn mit einem frohen „Hallo“. Es ist immer wieder eine Freude, jemanden mit Respekt und gesundem Menschenverstand zu begegnen.

Was aber, wenn eine Gruppe, z.B. ein Paar oder eine ganze Familie entgegenkommt? Dann ist der gesunde Menschenverstand besonders gefordert, denn er verlangt von allen Mitgliedern der Gruppe, ihr Verhalten miteinander abzustimmen. Wird es ihnen gelingen, sich am rechten Wegesrand hintereinander aufzureihen? Wer geht an die Spitze? Wer geht ans Ende? Die meisten sind damit überfordert. In ihrer Hilflosigkeit gehen sie weiter nebeneinander. Manchmal bleibe ich stehen, um der Gruppe mehr Zeit zu geben, sich zu organisieren, oder gebe ihnen Zeichen aus der Ferne, um sie dabei zu unterstützen. Die meisten verstehen nicht, was ich von ihnen erwarte. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht verstehen. Kommen sie mir jedoch zu nahe, ohne sich zu formieren, dann weiche ich aus und gehe 1,5 Meter weit in den Acker. Zuweilen kommt es vor, dass man sich höflich bei mir für dieses rücksichtsvolle Verhalten bedankt.

Heute kommt mir erst eine Familie mit zwei kleinen Kindern entgegen, die mit ihren Rollern und Stützrädern in Schlangenlinien den Weg in seiner ganzen Breite einnehmen. Will ich etwa die jungen Eltern auffordern, ihre Kinder auch draußen auf eine Linie zu bringen? Nein, also weiche ich aus auf den Acker und überlasse den Kindern den Weg zum Spielen. Danach kommen mir zwei junge Mütter entgegen, die ihre Kinderwagen nebeneinander schieben und in ein Gespräch versunken sind. Will ich etwa die beiden auffordern, ihre Wagen hintereinander zu rangieren? Nein, also weiche ich aus auf den Acker und überlasse ihnen den Weg für einen Erfahrungsaustausch. Schließlich kommen mir zwei junge Frauen entgegen, die nebeneinander den Weg einnehmen. Sie machen keine Anstalten, mir Platz zu machen. Ich beschließe, nicht auszuweichen, sondern mein Wegerecht einzufordern. Also bleibe ich stehen und fordere sie aus der Distanz auf: „Bitte gehen sie hintereinander!“ Während sie sich weiter nähern, ruft die eine „Wieso?“. Ich erkläre „Damit Sie Abstand halten!“ „Wir brauchen keinen Abstand zu halten. Wir leben zusammen in einer Wohnung.“

© Rolf Krane

Acker in Wiesloch
im Hintergrund das Naturschutzgebiet
Sauerwiesen-Fuchsloch