Déjà-Vu

Ein Kellner kommt an meinen Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Meine Augen wandern an ihm hoch bis in sein Gesicht und überqueren seinen Mund-Nasen-Schutz. Der rote Teppich, der seinen Mund verdeckt, führt mich direkt zu seiner Nase, die ich unwillkürlich anstarren muss. Dabei ist sie nicht ungewöhnlich, weder besonders groß noch auffallend geformt. Dennoch bleiben meine Augen daran hängen. Bis zu seinen Augen kommen sie nicht mehr.

In den vergangenen Wochen habe ich die Nase als Mittelpunkt des Gesichtes neu entdeckt. Gewöhnlich schaue ich meinem Gegenüber in die Augen, manchmal auch auf den Mund, wenn es zu laut ist. Dann versuche ich seine Lippen zu lesen. Wird die Sicht darauf verwehrt, hilft die unbedeckte Nase nicht weiter. Mit dem Lesen der Nasenflügel war ich bisher nicht erfolgreich. Ohne einen Mund-Nasen-Schutz ist die Nase nur ein Orientierungspunkt im Gesicht. Darüber die Augen. Darunter der Mund. Auf einer weißen Leinwand aber wird die freigelegte Nase zum Zentrum des Gesichtes, die Blicke automatisch anzieht.

Bald darauf kommt eine Bedienung an meinen Tisch, ebenfalls oben ohne. Sie beugt sich über den Erdbeerbecher und stellt ihn vor mir ab. Mit Genuss verspeise ich Eis und Erdbeeren. Ich verdränge jeden Gedanken an tropfende Nasen, kalte Schlachthöfe und Erntehelfer aus Osteuropa.

Kondome schützen vor HIV und senken das Risiko einer Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten. Würden Sie einem Gummi die Spitze abschneiden, bevor sie ihn benutzen?

Condomi Museum Scherzkondome
Foto: © Johann Werfring (Wikimedia Commons)

Auf dem Weg nach Hause habe ich ein Déjà-vu. Ich durchquere eine verkehrsberuhigte Siedlung und begegne einem Vater mit drei Kindern, die auf der Straße Federball spielen. Sie sprechen italienisch. Als ich sie das letzte Mal dort antraf, wurden einige Tage später die Grenzen geschlossen.

Text: © Rolf Krane

Spliff – Déjà vu (Live 1981)

„So schreib dein Leben auf ein Stück Papier und warte bis die Zeit vergeht.“

Herwig Mitteregger (aus dem Songtext von Déjà vu)