Doppelmoral

»Das amerikanische Volk ehrt all jene Armenier, die in dem Völkermord, der heute vor 106 Jahren begann, umgekommen sind.«

Joe Biden (zitiert nach: welt.de, 24.4.2021)

Bereits im Dezember 2019, unter der Präsidentschaft von Donald Trump, hatte der US-Kongress die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord anerkannt.

»Unser Parlament kann auch den Genozid an den Indianern anerkennen. Wie kann man darüber schweigen? Das ist die dunkle Seite der Geschichte Amerikas.«

Recep Tayyip Erdoğan (zitiert nach: focus.de, 17.12.2019)

»Die Völkermorde an den Indianern und an den Armeniern stehen für die Herrschaft der alten weißen Männer. Immer noch. Erdogan und Trump ignorieren beide die geschichtlichen Fakten der eigenen Nationalgeschichte.«

aus: deutschlandfunkkultur.de, 16.01.2020

Und das gilt offenbar nicht nur für Trump und Erdogan, sondern auch für Biden.

Völkermord an den Armeniern
zdf.info – 23.05.2015

Der deutsche Bundestag hat am 2. Juni 2016 das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord anerkannt. Damit verbunden ist das Eingeständnis, dass das Deutsche Kaiserreich als Verbündeter der Osmanen im Ersten Weltkrieg nachweislich von den Massakern gewusst und sie geduldet hat (vgl. arte).

Ein Theater für Träumer

Der Knabe auf dem Delphin
(Deutscher Trailer)
mit Sophia Loren als Phaedra
Jean Negulesco
, 1957

Im Spielfilm Der Knabe auf dem Delphin aus dem Jahr 1959 entdeckt Phaedra (Sophia Loren), eine Schwammtaucherin aus Hydra, unter Wasser die Steinstatue eines Delphins, auf dem ein Knabe aus Gold reitet. Sie reist nach Athen, um sie an einen reichen ausländischen Sammler zu verkaufen und lernt dabei den amerikanischen Archäologen Dr. James Calder (Alan Ladd) kennen, der die Statue für Griechenlands Museen erhalten möchte.

Die Insel Hydra, der Hauptschauplatz des Films, liegt etwa 65 km südwestlich von Athen am Rande des Saronischen Golfs. Ihre glorreichen Tage hatte sie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert erlebt, als sie berühmt für ihren Schiffsbau war, dem jedoch sämtliche Bäume der Insel zum Opfer fielen. Im Unabhängigkeitskrieg vom Osmanischen Reich  (1821–1832) entwickelte sich Hydra zu einem führenden Stützpunkt der griechischen Seemacht. Der Hafen mit seinen Zwillingsfestungen und vielen Kanonen beherbergte und schützte die Flotte. Doch die Unabhängigkeit Griechenlands hatte einen hohen Preis für Hydra. Viele ihrer Handelsschiffe, die vom Militär genutzt wurden, gingen durch die Kämpfe verloren. Nach der Schaffung des griechischen Staates verlor die Insel bedingt durch die Dampfschiffrevolution auch ihre maritime Position an neue Reedereien in Piräus, Patras und Syros. Hydra suchte erneut ihre Rettung im Meer. Das Schwammtauchen und der damit verbundene Handel wurden damals zu ihrer Haupteinnahmequelle. Ein rücksichtsloser Raubbau und Krankheiten, die durch den Erwärmung des Meeres verursacht sein könnten, reduzierten die Bestände und führten seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem Ende des kommerziellen Schwammtauchens. Auch gab es seit der Erfindung synthetischer Schwämme im Jahr 1952 preisgünstigere Alternativen. Damit ereilte Hydra das gleiche Schicksal wie der Insel Symi.

Der Film Der Knabe auf dem Delphin spielt in jener Zeit und erweckte die Insel zu neuem Leben. Schriftsteller, Maler und Musiker fühlten sich durch den Film und das Buch Der Koloß von Maroussi: Eine Reise nach Griechenland von Henry Miller, der Hydra bereits 1939 besucht hatte, angezogen von der verträumten Insel ohne Autoverkehr mit ihrer malerischen Hafenstadt, die seit Miller häufig mit einem Amphitheater verglichen wird.

»Die Stadt, die in Form eines Amphitheaters um den Hafen ansteigt, ist makellos. Es gibt nur zwei Farben. Blau und Weiß, und das Weiß wird jeden Tag bis zum Straßenpflaster frisch getüncht.«

Henry Miller, in: Der Koloß von Maroussi, 1941

Von 1960 bis 1967 lebte Leonard Cohen dort in einer Künstlerkolonie aus Schriftstellern, wie Axel Jensen, Göran Tunström, George Henry Johnston und Charmian Clift. Fotografiert wurden sie von James Burke, einem amerikanischen Fotojournalisten, dessen Bilder aus jener Zeit man heute bei Getty Images anschauen und bestellen kann. Ebenso sehenswert ist eine Fernseh-Dokumentation des Bayrischen Rundfunks aus dem Jahr 1966 mit dem Titel Hydra – Weißes Eiland.

Bis heute ist die autofreie Insel, die man von Piräus in 90 Minuten mit dem Tragflügelboot erreicht, ein Treffpunkt für Künstler geblieben. In den vergangenen zehn Jahren hat sie sich zu einer regelrechten Kunsthochburg entwickelt. Manche bezeichnen sie heute gar als das St. Tropez der Ägäis.

David Gilmour (siehe auch: Beitrag Leuchte, du verrückter Diamant) hat sich im letzten Jahr mit seiner Großfamilie von seinem Anwesen in Sussex (Süd-England) zum Schutz vor der Pandemie dorthin zurückgezogen. Seine Ehefrau Polly Samson, eine Schriftstellerin, hatte über die Künstlerkolonie in den 1960er Jahren geforscht. Über ihre Ergebnisse schreibt sie in einen Artikel des Guardian: Bohemian tragedy: Leonard Cohen and the curse of Hydra. Darauf basierend verfasste sie ihren neuesten Roman: Sommer der Träumer (Originaltitel: A Theatre for Dreamers, 2020).

Polly Samson über ihr Buch
A Theatre For Dreamers

»Wenn Sie einmal auf Hydra gelebt haben, können Sie nirgendwo anders mehr leben, auch nicht auf Hydra.«

Kenneth Koch (zitiert in: The Guardian, Übersetzung: Rolf Krane)

Die Idylle Hydras und ihre Geschichte machen Lust auf eine Reise dorthin, solange es noch möglich ist. In der Antike war sie, wie ihr griechischer Name Ydra (von griechisch ὕδωρ [hýdōr]: Wasser) es ausdrückt, eine fruchtbare und wasserreiche Insel. Heute hat sie keine eigenen Wasserreserven mehr, eine Folge der Abholzung in der Vergangenheit. Bis 2014 kam das Trinkwasser jeden Tag per Schiff vom Festland. Seitdem gibt es eine Meerwasser-Entsalzungsanlage. Fällt der Strom aus, wie 2018 geschehen, gibt es auch kein Wasser mehr (vgl. griechenland.net).

»Griechenland braucht keine Archäologen – es braucht Forstmeister. Ein grünes Griechenland könnte einer Welt, die jetzt vom Rost zerfressen wird, wieder Hoffnung verleihen.«

Henry Miller, in: Der Koloß von Maroussi, 1941
Der Knabe auf dem Delphin (1957)
Kompletter Film in deutscher Sprache

Die Reise mit Charley

Nachdem John Steinbeck (* 27. 2. 1902 in Salinas, Kalifornien; † 20. 12. 1968 in New York City) einen zweiten Schlaganfall erlitten hat, macht er sich im September 1960 mit einem zum Wohnmobil umgerüsteten Kleinlaster auf eine dreimonatige Rundreise durch die USA, um das Land und seine Leute neu zu erkunden. Sein Wohnmobil nennt er Rocinante, so, wie das Pferd des ruhmvollen Ritters Don Quijote von La Mancha. Sein einziger Reisegefährte ist sein alter schwarzer Pudel Charley.

Steinbecks Rocinante (Foto: LordHarris)
befindet sich heute im
National Steinbeck Center
(Salinas, Kalifornien)

Steinbecks Reisebericht Travels with Charley (Die Reise mit Charley ) erschien 1962 und hat auch heute nicht an Aktualität verloren. Seinen pessimistischen Blick auf die amerikanischen Landsleute Anfang der 60er Jahre kann man nur als einen Weckruf an die Nation verstehen, wenn man an die gegenwärtige Situation in den USA denkt.

Beim Lesen hat man leicht den Eindruck, dass Steinbeck eine Reise beschreibt, die er tatsächlich so unternommen hat. Dabei handelt es sich um einen fiktiven Roman. Seine Beschreibung der auf der Reise erfahrenen Einsamkeit und Fremdheit, die von seinem Alter Ego, dem Pudel Charley, gespiegelt wird, verwendet Steinbeck als literarisches Stilmittel. Eine Recherche von Bill Steigerwald aus dem Jahr 2020 über die wirkliche Reise ergab ein anderes Bild. 

»Eine Reise ist eine Person in sich, keine gleicht der anderen. Und alle Pläne, Sicherungen, Kontrollen und Zwänge sind nutzlos. Nach Jahren des Kampfes stellen wir fest, dass wir eine Reise nicht unternehmen, sondern von ihr unternommen werden. […] Darin gleicht eine Reise der Ehe: Die sicherste Art zu scheitern ist zu meinen, man habe sie fest im Griff.«

John Steinbeck (aus: Die Reise mit Charley, S.8)

Steinbeck soll demnach insgesamt 75 Tage von New York fort gewesen sein. An etwa 45 Tagen war er mit seiner Frau Elaine unterwegs und wohnte mit ihr in den besten Hotels, Motels, Resorts, Häusern und auf der Farm eines Millionärs in Texas in der Nähe von Amarillo.

Reiseroute mit Charley, 1960

Steinbeck schreibt mit einem großartigen Humor. Verstörende Beobachtungen der amerikanischen Lebenswirklichkeit, Begegnungen mit skurillen Zeitgenossen und tiefgründige Betrachtungen vermischen sich zu einem einzigartigen, historischen und äußerst unterhaltsamen Reiseroman.

Weitere Buchzitate

»Ich glaube, wer eine Reise von langer Hand plant, ist im Innersten überzeugt, dass er sie niemals antreten wird.«

»Wenn man einen Gefährten hat, fixiert einen das in der Zeit, und zwar in der Gegenwart, aber wenn sich das Alleinsein niedersenkt, fließen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen.«

»Die äußere Realität hat eine kuriose Art, am Ende gar nicht so äußerlich zu sein.«

Google Doodle
zu Steinbecks 112. Geburtstag
Heute ist sein 119. Geburtstag

Nomadland

Nomadland – Trailer
(ab 18. März 2021 in Deutschland)

Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch einer Firmenstadt im ländlichen Nevada packt Fern (Frances McDormand) ihren Van und macht sich auf den Weg, um als moderne Nomadin ein Leben außerhalb der konventionellen Gesellschaft zu erkunden. Der dritte Spielfilm Nomadland von Regisseurin Chloé Zhao zeigt die echten Nomaden Linda May, Swankie und Bob Wells als Ferns Mentoren und Mitstreiter auf ihrer Erkundungstour durch die weite Landschaft des amerikanischen Westens.

Vorlage für den Film war das Buch Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert (engl. Originaltitel: Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century) von Jessica Bruder.

In einem ausführlichen Interview (19 Min.) anlässlich des Toronto International Film Festival 2020 berichten die Regisseurin Chloé Zhao und die Hauptdarstellerin Frances McDormand, die 2018 einen Oskar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle im Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri erhielt, über die Entstehungsgeschichte und die Dreharbeiten des Films.

Interview mit
Chloé Zhao und Frances McDormand
(12.09.2020 nach der Premiere beim
Toronto International Film Festival)

In einem Interview mit der FAZ sagt die Regisseurin Chloé Zhao über die Bedeutung der Natur in ihrem Film:

„Die Landschaften sind Teil des Heilungsprozesses, den die Hauptfigur Fern durchlebt, sie findet durch die Natur ihren Platz im Leben. In einem Van ist man seiner Umwelt ziemlich intensiv ausgesetzt! Daher ist die Natur so eng mit der Identität der Nomaden verknüpft. Wir Stadtmenschen haben durch die Betonwüsten den Zugang zur Natur verloren. Ich bin überzeugt, dass die Natur eine heilende Kraft hat, musste das aber auch erst lernen. Heute bin ich süchtig nach Natur, das findet auch einen Ausdruck in meinen Filmen. Wir haben oft gesagt, dass die wichtigste Schauspielerin am Set für uns die Sonne war. Wir nannten sie „Gottes Licht“ und taten alles, um den Sonnenuntergang abends so schön wie möglich mit der Kamera einzufangen.“

Auf meinen Reisen durch die USA sind mir immer wieder Menschen begegnet, die wie Fern ihren festen Wohnsitz aufgegeben haben und als Nomaden durch das Land ziehen.

Während einer Wohnmobil-Reise mit meiner Familie durch Nordkalifornien im Jahr 1997 traf ich im Waschhaus eines RV-Parks erstmals einen Senior, der mit seiner Ehefrau ein Nomadenleben führte. Später am Abend saßen wir zusammen an einem Feuerplatz und sie erzählten, dass sie ihr Haus nach der Pensionierung verkauft hätten. Sie besäßen eine Segeljacht in Baja California, worauf sie im Winter lebten und die Bucht von Kalifornien durchkreuzten, sowie ein komfortables RV, womit sie sich im Sommer auf den Weg nach Norden machten. Ihre Kinder lebten verstreut in den USA, die sie regelmäßig und zu besonderen Anlässen mit ihrem fahrbaren Heim besuchten. Sie berichteten von jährlich großen Treffen, wo sie sich regelmäßig mit Gleichgesinnten träfen.

Auf meiner Pilgerreise an der Westküste der USA im Jahr 2013, über die ich in meinem Buch Der Reisende Rahmen berichte, habe ich auf dem Nesika Beach RV Park in Süd-Oregon drei moderne Nomaden mit ganz unterschiedlichen Motiven kennengelernt (siehe Kapitel: Die Schurken vom Rogue River S. 144-147).

Mittlerweile leben etwa eine Million Amerikaner in einem RV. Seit der Finanz- und Immobilienkrise im Jahr 2008 ist der Anteil derjenigen immer grösser geworden, die aus existientieller Not ein Nomadenleben führen. Dazu zählen auch viele Senioren, die entweder ihre Häuser oder Pensionen verloren haben, die in den USA über Aktionfonds finanziert werden. Sie ziehen als saisonale Wanderarbeiter durch das Land und werden auf Parkplätzen der Unternehmen geduldet, für die sie arbeiten. Wie das Leben dieser Menschen aufgrund der Pandemie zum Stillstand gekommen ist, beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Laura Guidry, die zuvor im Sozialwesen gearbeitet hat und nun als Nomadin in ihrem Airstream lebt, in einem Artikel auf vox.com. Man kann davon ausgehen, dass durch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie noch mehr Menschen in ein Nomadenleben gedrängt werden.