Archiv der Kategorie: Filme

Football und Biscuit

Die 31. Treehouse of Horror Episode der Simpsons, die kurz vor den US-Wahlen im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, prognostizierte für den 20. Januar 2021 ein düsteres Szenario, da Homer Simpson die Wahl verschläft und durch seine fehlende Stimme der amtierende Präsident wiedergewählt wird.

Die Simpsons – Wahltag des Grauens
(Erstausstrahlung 1. November 2020)

Wozu ist der amtierende Präsident in den letzten zehn Tagen seiner Amtszeit noch fähig, wenn er an eine Wahl-Verschwörungstheorie glaubt und seit dem Angriff auf das Kapitol mit dem Rücken zur Wand steht? Ein unbedeutender IT-Experte aus Nashville, der an eine 5G-Verschwörungstheporie glaubte, jagte sich selbst mit einer RV-Ladung Sprengstoff in die Luft und bewirkte damit den Zusammenbruch des Internets und Telefonnetzes in drei Bundesstaaten. (mehr dazu im Beitrag: Downtown)

Seit seiner Amtsübernahme am 20. Januar 2017 hat der amtierende Präsident die Befehlsgewalt über 7000 Atomsprengköpfe. So wie Krone und Zepter die Insignien der Macht eines Herrschers im Mittelalter waren, verfügt seit Eisenhower jeder amtierende amerikanische Präsident über Football und Biscuit, einen schwarzen Nuklearkoffer und eine 7×12 Zentimeter große laminierte Plastikkarte mit dem präsidialen Identifizierungscode, um einen Atomangriff auszulösen. Während der Präsident verpflichtet ist, die Plastikkarte stets am Körper zu tragen, z.B. auch wenn er Golf spielen geht, wird ihm der Koffer von einem Soldaten hinterhergetragen. (vgl. tagesschau.de)

Das wird auch in den kommenden letzten zehn Tagen seiner Amtszeit bis zum 20. Januar 2021 um 18:00 Uhr MEZ nicht anders sein. Er wäre z.B. rechtlich in der Lage, einen Atomangriff auf den Iran oder Nordkorea noch am letzten Tag seiner Amtszeit auszulösen, ebenso wie er die verstorbene liberale Richterin im Obersten Gerichtshof, Ruth Bader Ginsburg, noch eine Woche vor den Wahlen durch die erzkonservative Amy Coney Barrett ersetzen konnte.

Dass die Sorgen über die verbleibende Macht des Präsidenten nicht unberechtigt sind, zeigen die Ereignisse der vergangenen Tage. Wenn sich jedoch Nancy Pelosi darüber Sorgen macht, die am 3. Januar 2021 als Vorsitzende des Repräsentantenhauses wiedergewählt wurde, dann sollte jedem der Ernst der Situation klar sein.

Beim Sturm auf das Kapitol wurde insbesondere Jagd gemacht auf Pelosi und Pence, den amtierenden Vizepräsidenten. (vgl. tagesschau.de) Im Falle eines Ausscheidens des amtierenden Präsidenten, tritt an seine Stelle Vizepräsident Pence. Scheidet auch der aus, geht die präsidiale Macht an Pelosi, die Vorsitzende des Repräsentantenhauses. Fallen alle drei aus, ist die USA führungslos.

Der Generalstabschef Mark Milley soll Pelosi in einem Gespräch versichert haben, man hätte Vorkehrungen getroffen, „um zu verhindern, dass ein instabiler Präsident militärische Auseinandersetzungen entfacht oder die (Nuklear-)Codes abruft und einen Atomschlag anordnet“. (zitiert nach: tageschau.de)

Und so kann man nur hoffen, dass das Ende des Films Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben eine Fiktion bleibt.

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Schlussszene (Stanley Kubrick, 1964)

That’s Dancing

That’s Dancing ist ein amerikanischer Compilationsfilm aus dem Jahr 1985, der von Metro-Goldwyn-Mayer produziert wurde. Gene Kelly führt die Zuschauer durch eine prachtvolle Nostalgie-Revue, in der auch einige seiner berühmtesten Auftritte zu sehen sind.  Dazu zählen auch die beiden folgenden Szenen, in denen er mit seinem Spiegelbild und ein anderes Mal mit Jerry Mouse aus der Zeichentrickserie Tom und Jerry tanzt.

Gene Kelly tanzt mit seinem Spiegelbild
»You can’t run away from yourself.«
Cover Girl (Charles Vidor, 1944)
Gene Kelly tanzt mit Jerry Mouse
Anchors Aweigh (George Sidney, 1945)
(Choreografie: Stanley Donen)

Als leichtfüßigster Tänzer der Filmgeschichte gilt Fred Astaire:

»Tanz ist ein Telegramm an die Erde mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft.«

Fred Astaire (Quelle: Deutschlandfunk)
Fred Astaire tanzt an Wänden und Zimmerdecke
Royal Wedding (Stanley Donen, 1951)
Fred Astaire tanzt mit einem Hutständer
Royal Wedding (Stanley Donen, 1951)

Die nachfolgende Tanzszene der Nicholas Brothers, ohne Probe und im ersten Durchlauf gelungen, bezeichnete Fred Astaire …

»… als den besten Tanz , den er je in einem Film gesehen hat.«

vgl.: Mindy Aloff : Don’t try this at home. The New York Times, 26.3.2000
Jumpin‘ Jive von den Nicholas Brothers
Stormy Weather (Andrew L. Stone, 1943)

»Die Artistik der Nicholas Brothers hatte echte Anmut, und in einem Leben, das immer virtueller wird, brauchen wir das mehr denn je.«

Mindy Aloff : Don’t try this at home. The New York Times, 26.3.2000

Während wir zunehmend Aufgaben des Gedächtnisses, des Schlussfolgerns und Entscheidens an Computersysteme und Bewegungsabläufe an Roboter übertragen, verkümmern wir in unseren entsprechenden menschlichen Fähigkeiten und verlieren die damit verbundene Kreativität, Neues zu denken und zu tun. Mit der wachsenden Nutzung digitaler Medien und künstlicher Intelligenz und der Delegation körperlicher Arbeit an Roboter geht eine Verarmung des menschlichen Seins einher. Die Digitale Demenz, ein beschleunigter Verfall mentaler und sozialer Kompetenzen, der heute bereits zu beobachten ist, geht einher mit einer fortschreitenden Digitalen Hypokinese.

Das abschließende Video mit tanzenden Robotern zum Ende des Jahres 2020 macht dies auf erschreckende Art und und Weise deutlich. Die Belegschaft der Boston Dynamics kam zusammen, um damit den „Beginn eines hoffentlich glücklicheren Jahres zu feiern und allen ein frohes neues Jahr zu wünschen“.

Do You Love Me? (aus: Dirty Dancing, 1987)
Roboter von Boston Dynamics (29.12.2020)

Die Auswahl des Songs und die Wünsche für das Neue Jahr in Verbindung mit dieser Demonstration der Roboter sind an Zynismus kaum zu überbieten, wenn man sich klar macht, für welche Aufgaben diese Art von Robotern ebenfalls trainiert werden.

Der Mund der Wahrheit

»Nothing is impossible,
the word itself says
‚I’m possible‘!«

Audrey Hepburn
Bocca della Verità
mit Gregory Peck & Irving Radovich
Ein Herz und eine Krone
(William Wyler, 1953)
The Soufflé
»A woman happily in love,
she burns the soufflé.
A woman unhappily in love,
she forgets to turn on the oven.«
mit Marcel Hillaire & Marcel Dalio
Sabrina (Billy Wilder, 1954)
Yes! We Have No Bananas
»No man walks alone from choice.«
»Paris is for lovers. And that’s why I stayed only 35 minutes.«
mit Humphrey Bogart
Sabrina (Billy Wilder, 1954)
Bonjour Paris
mit Fred Astaire & Kay Thompson
Funny Face
(Stanley Donen, 1957)
Moon River
mit George Peppard
Breakfast at Tiffany’s
(Blake Edwards, 1961)
The Rain in Spain
mit Rex Harrison & Wilfrid Hyde-White
My Fair Lady (George Cukor, 1964)
Can’t Get Enough of You Baby
(Smash MouthAstro Lounge 1998)
mit Hugh Griffith & Peter O’Toole
How to Steal A Million
(William Wyler, 1966)

www.everythingaudrey.com

Nomadland

Nomadland – Trailer
(ab 18. März 2021 in Deutschland)

Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch einer Firmenstadt im ländlichen Nevada packt Fern (Frances McDormand) ihren Van und macht sich auf den Weg, um als moderne Nomadin ein Leben außerhalb der konventionellen Gesellschaft zu erkunden. Der dritte Spielfilm Nomadland von Regisseurin Chloé Zhao zeigt die echten Nomaden Linda May, Swankie und Bob Wells als Ferns Mentoren und Mitstreiter auf ihrer Erkundungstour durch die weite Landschaft des amerikanischen Westens.

Vorlage für den Film war das Buch Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert (engl. Originaltitel: Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century) von Jessica Bruder.

In einem ausführlichen Interview (19 Min.) anlässlich des Toronto International Film Festival 2020 berichten die Regisseurin Chloé Zhao und die Hauptdarstellerin Frances McDormand, die 2018 einen Oskar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle im Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri erhielt, über die Entstehungsgeschichte und die Dreharbeiten des Films.

Interview mit
Chloé Zhao und Frances McDormand
(12.09.2020 nach der Premiere beim
Toronto International Film Festival)

In einem Interview mit der FAZ sagt die Regisseurin Chloé Zhao über die Bedeutung der Natur in ihrem Film:

„Die Landschaften sind Teil des Heilungsprozesses, den die Hauptfigur Fern durchlebt, sie findet durch die Natur ihren Platz im Leben. In einem Van ist man seiner Umwelt ziemlich intensiv ausgesetzt! Daher ist die Natur so eng mit der Identität der Nomaden verknüpft. Wir Stadtmenschen haben durch die Betonwüsten den Zugang zur Natur verloren. Ich bin überzeugt, dass die Natur eine heilende Kraft hat, musste das aber auch erst lernen. Heute bin ich süchtig nach Natur, das findet auch einen Ausdruck in meinen Filmen. Wir haben oft gesagt, dass die wichtigste Schauspielerin am Set für uns die Sonne war. Wir nannten sie „Gottes Licht“ und taten alles, um den Sonnenuntergang abends so schön wie möglich mit der Kamera einzufangen.“

Auf meinen Reisen durch die USA sind mir immer wieder Menschen begegnet, die wie Fern ihren festen Wohnsitz aufgegeben haben und als Nomaden durch das Land ziehen.

Während einer Wohnmobil-Reise mit meiner Familie durch Nordkalifornien im Jahr 1997 traf ich im Waschhaus eines RV-Parks erstmals einen Senior, der mit seiner Ehefrau ein Nomadenleben führte. Später am Abend saßen wir zusammen an einem Feuerplatz und sie erzählten, dass sie ihr Haus nach der Pensionierung verkauft hätten. Sie besäßen eine Segeljacht in Baja California, worauf sie im Winter lebten und die Bucht von Kalifornien durchkreuzten, sowie ein komfortables RV, womit sie sich im Sommer auf den Weg nach Norden machten. Ihre Kinder lebten verstreut in den USA, die sie regelmäßig und zu besonderen Anlässen mit ihrem fahrbaren Heim besuchten. Sie berichteten von jährlich großen Treffen, wo sie sich regelmäßig mit Gleichgesinnten träfen.

Auf meiner Pilgerreise an der Westküste der USA im Jahr 2013, über die ich in meinem Buch Der Reisende Rahmen berichte, habe ich auf dem Nesika Beach RV Park in Süd-Oregon drei moderne Nomaden mit ganz unterschiedlichen Motiven kennengelernt (siehe Kapitel: Die Schurken vom Rogue River S. 144-147).

Mittlerweile leben etwa eine Million Amerikaner in einem RV. Seit der Finanz- und Immobilienkrise im Jahr 2008 ist der Anteil derjenigen immer grösser geworden, die aus existientieller Not ein Nomadenleben führen. Dazu zählen auch viele Senioren, die entweder ihre Häuser oder Pensionen verloren haben, die in den USA über Aktionfonds finanziert werden. Sie ziehen als saisonale Wanderarbeiter durch das Land und werden auf Parkplätzen der Unternehmen geduldet, für die sie arbeiten. Wie das Leben dieser Menschen aufgrund der Pandemie zum Stillstand gekommen ist, beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Laura Guidry, die zuvor im Sozialwesen gearbeitet hat und nun als Nomadin in ihrem Airstream lebt, in einem Artikel auf vox.com. Man kann davon ausgehen, dass durch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie noch mehr Menschen in ein Nomadenleben gedrängt werden.